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Gegenwart der Zukunft : Die Kultur der Science-fiction erlebt eine bedeutsame Krise

Umgeschminkt: Isaac Asimovs Klassiker Bild: Doubleday Books

Auf Schritt und Tritt umgibt uns die Ikonographie, das visuelle, akustische und kognitive Design der Science-fiction. Der Geist dieses ganzen Unternehmens aber atmet nur mehr flatternd und flach.

          Kopf einziehen, die Predigt wird laut: "Jede imperialistische, weiß-rassistische, kapitalistische, patriarchalische Nation auf der Erde", schrieb vor ein paar Jahren die akademische schwarze Feministin bell hooks, "lehrt ihre Bürger, sich mehr um das Morgen als um das Heute zu sorgen. Sobald wir das aber tun, haben wir uns der Versuchung des Todes ergeben. Auf die Zukunft fixiert zu leben bedeutet, in einem Zustand der Verleugnung zu leben. Es handelt sich um eine Form psychischer Gewalt, die uns darauf abrichtet, jene andere Gewalt zu akzeptieren, die notwendig ist, die imperialistische, zukunftsorientierte Gesellschaft aufrechtzuerhalten."

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Daß der Vorwurf ein bißchen verrückt ist, sieht man sofort. Wie viele in den letzten zwanzig Jahren veranstaltete antiwestliche Moralsalti von Leuten, deren Ausbildung und metaphorisch-messianischer Politikstil westlicher nicht sein könnten, darf man ihn wohl nicht wörtlich nehmen, weil man sonst ein der Verfasserin sicher nicht sympathisches Leben anstreben müßte, das mit Mitte Dreißig zu Ende und bis dahin alles andere als ein Spaß gewesen wäre (richtig, der Kopfjäger lebt im Jetzt, aber seine Lebenserwartung ist nicht beneidenswert). Bevor man aber aus der offensichtlichen Absurdität solcher Zivilisationsschimpfe ableitet, daß mit dem Westen, seinen Wissensformen, seiner Technologie und deren Zukunft alles zum besten steht, wenn doch die Gegenpartei nicht mehr zu bieten hat als schrillen Irrationalismus, sollte man beides, die ordnende und planende Technozivilisation wie die abstruse Hetze einer solchen "Kritik", als zwei Seiten einer Medaille oder metaphernfrei: zwei Momente ein und derselben Moderne begreifen. Es spricht nämlich Bände über den meist latenten, periodisch aber dann doch von Intellektuellen und anderen vom unmittelbaren Produktionsprozeß freigestellten Figuren artikulierten Selbsthaß der westlichen Zivilisation, wenn deren redegewandteste Kritiker sich, vielleicht ohne es selbst zu bemerken, Roheit und Erbarmungslosigkeit des Naturzustandes zurückwünschen.

          Nur noch Zack, Batsch und ein deftiger Schuß paranoider Technophobie

          Morgen mag ja wirklich alles besser werden. Aber die Gegenwart der Zukunft der entwickelten, reichen Gesellschaften hat in deren Vergangenheit schon mal entschieden besser ausgesehen. Zwar umgibt uns auf Schritt und Tritt die Ikonographie, das visuelle, akustische und kognitive Design der für diese Gegenwart der Zukunft zuständigen ästhetischen Kategorie, nämlich der Science-fiction - in der politischen Rhetorik von Zukunftserschließung und Schadenabwehr, im sozial- wie naturwissenschaftlichen Planungshorizont demographischer oder klimatologischer Prognostik -, der Geist des ganzen Unternehmens aber, das seit Verne und Wells schon ein paar Namen hatte, bis Hugo Gernsback es "Sciene-fiction" taufte, atmet nur mehr flatternd und flach.

          Ein Beispiel aus diesem Sommer: Die erstmals 1950 unter dem Titel "I, Robot" gesammelten kybernetischen Parabeln von Isaac Asimov (1920 bis 1992) sind kleine Kasuistiken zur Erkundung der Frage, ob sich so etwas wie Ethik auch mit logischen, positivistisch-gesetzesförmigen Mitteln formalisieren läßt und es vielleicht eine "inferentialistische Moral" des Maschinenzeitalters geben kann, bei der sich das richtige Handeln zwingend aus dem richtigen Folgern ergibt. Der Film "I, Robot" mit Will Smith jedoch, der gerade im Kino läuft und Asimov den Titel, einige Figuren und zahlreiche Motive verdankt, handelt von etwas ganz anderem, nämlich von Zack, Batsch und Uiuiui, viel Verfolgerei und einem deftigen Schuß paranoider Technophobie. Asimov, ein rationalistischer Klassizist des zwanzigsten Jahrhunderts, wird auf diese Weise zum actionrappelnden Romantiker von Faustrecht und Testosteronmißbrauch umgeschminkt - man kann so etwas auch "Popularisierung" nennen.

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