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Gedichte : Und welches können Sie auswendig?

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Reich-Ranicki rät: Lest Gedichte! Bild: AP

Der neue Kanon ist da: Marcel Reich-Ranicki hat 1370 Gedichte von 251 deutschsprachigen Autoren in sieben Bänden zusammengestellt. Die Redaktion der F.A.S. hat ihre liebsten ausgewählt.

          8 Min.

          Der neue Kanon ist da: Marcel Reich-Ranicki hat 1370 Gedichte von 251 deutschsprachigen Autoren in sieben Bänden zusammengestellt. Die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat ihre liebsten ausgewählt.

          Friedrich Hölderlin: Heidelberg

          Lange lieb' ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
          Mutter nennen, und dir schenken ein kunstlos Lied,
          Du, der Vaterlandsstädte
          Ländlichschönste, so viel ich sah.
          Wie der Vogel des Walds über die Gipfel fliegt,
          Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt,
          Leicht und kräftig die Brücke,
          Die von Wagen und Menschen tönt.
          Wie von Göttern gesandt, fesselt' ein Zauber einst
          Auf die Brücke mich an, da ich vorüber ging
          Und herein in die Berge
          Mir die reizende Ferne schien,











          Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog,
          Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön,
          Liebend unterzugehen,
          In die Fluten der Zeit sich wirft.
          Quellen hattest du ihm, hattest dem Flüchtigen
          Kühle Schatten geschenkt, und die Gestade sahn
          All' ihm nach, und es bebte
          Aus den Wellen ihr lieblich Bild.
          Aber schwer in das Tal hing die gigantische,
          Schicksalskundige Burg nieder bis auf den Grund
          Von den Wettern zerrissen;
          Doch die ewige Sonne goß











          Ihr verjüngendes Licht über das alternde
          Riesenbild, und umher grünte lebendiger
          Efeu; freundliche Wälder
          Rauschten über die Burg herab.
          Sträuche blühten herab, bis wo im heitern Tal,
          An den Hügel gelehnt, oder dem Ufer hold,
          Deine fröhlichen Gassen
          Unter duftenden Gärten ruhn.






          Wenn man in Heidelberg den Philosophenweg hinaufgeht, bis ans Ende, bis dahin, wo der Wald anfängt, in den man dann immer weiter hineingehen kann, ins immer Dunklere hinein, bis zu dieser gigantischen germanischen Tingstätte, in der die Nazis ihre Weihefeste feierten, im letzten lichten Moment also, das Schloß gegenüber gerade noch im Blick und den Neckar, das Tal, die alte Brücke, da steht dieser Stein, in den die erste Strophe dieses Gedichtes gemeißelt wurde. Dieses Gedichtes über die Dunkelheit, die Gefahr, die Heiligkeit, die Weite, das Glück, den Wahn und die Erinnerung. Volker Weidermann

          Hans Sahl: Charterflug in die Vergangenheit

          Als sie zurückkamen aus dem Exil,
          drückte man ihnen eine Rose in die Hand.
          Die Motoren schwiegen.
          Versöhnung fand statt
          auf dem Flugplatz in Tegel.
          Die Nachgeborenen begrüßten die
          Überlebenden.
          Schuldlose entschuldigen sich für
          die Schuld ihrer Väter.
          Als die Rose verwelkt war, flogen sie
          zurück in das Exil ihrer
          zweiten, dritten oder vierten Heimat.
          Man sprach wieder Englisch.
          Getränke verwandelten sich wieder
          in drinks.
          Als sie sich der Küste von
          Long Island näherten,
          sahen sie die Schwäne auf der Havel
          an sich vorbeiziehen,
          und sie weinten.


















          Ein bißchen sentimental darf man schon sein, wenn man zu Hause rausgeschmissen wurde. Das sagt der Emigrant Hans Sahl, und daß er es ein bißchen sentimental sagt, darf schon sein. Er selbst kam nach dem Krieg nach Deutschland wieder zurück, aber dann ging er wieder nach New York, und dann kam er endgültig in das Land, das ihn nicht wollte, um hier zu sterben. Er hatte ein langes, kompliziertes, aufregendes Leben, und vielleicht war er am Ende sogar dankbar dafür. Aber wenn man diese Zeilen liest, denkt man, es war auch furchtbar sinnlos. Maxim Biller

          Wolf Biermann: Und als wir ans Ufer kamen

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