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Gedenktafel für Reich-Ranicki : Wo Marcel seine Lotte küsste

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Güntzelstraße 53: Die Gedenktafel wird enthüllt. Bild: Pein, Andreas

Porzellanweiß mit blauer Schrift: In der Berliner Güntzelstraße wird eine Gedenktafel zu Ehren Marcel Reich-Ranickis enthüllt. Als alle gesprochen haben, ergreift der Kritiker selbst das Wort.

          Oben ist der Balkon, auf dem er damals Lotte küsste, sein erster Kuss, den er, als er 1990 mit Frank Schirrmacher wieder hergekommen war, mit den Worten rezensierte: „Gar nicht so übel.“ Hier, in der Güntzelstraße 53 in Berlin-Wilmersdorf, hat Marcel Reich-Ranicki mit seinen Eltern gelebt, von 1934 bis 1938, als er in Berlin zur Schule ging.

          Gestern ist hier eine Gedenktafel enthüllt worden, schön porzellanweiß mit blauer Schrift, ein Vertreter der Immobilienfirma, der das Haus heute gehört, sagt, es sei eine große Ehre für seine Firma, und ein Passant sagt, na, ein Eimer Farbe wäre auch mal eine schöne Ehre für das Haus, das ein wenig vernachlässigt wirkt. Es ist eine würdige, schöne Gedenkfeier hier unter dem grauen Himmel Berlins. Vielleicht hundert Gäste sind gekommen, es gibt Sekt, Klaus Wowereit hält eine schöne Rede und zitiert Reich-Ranickis Satz, dass er ohne Berlin kein Kritiker geworden wäre.

          Der Lebensfreund Hellmuth Karasek, in rosa Hemd und lässigen Sneakern ohne Schnürsenkel, spricht über Thomas Mann, Billy Wilder und Reich-Ranickis Liebe zum Theater. Sein Sohn Andrew Ranicki erzählt, dass er vieles über seinen Vater und seine Großeltern, so wie alle Welt, erst aus der Autobiographie „Mein Leben“ erfahren hat. Als alle geredet haben und man schon denkt, jetzt wird enthüllt, fängt Marcel Reich-Ranicki plötzlich an zu sprechen. Er liest aus „Mein Leben“, eine Passage aus der Schulzeit: „Ich hatte, wie sich in den nächsten Jahren herausstellte, viel Glück.“ Es ist nur ein Tonband. Er ist ja tot. Aber Glück, das hatten auch wir, die ihn kannten. Sehr großes Glück.

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