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: Ganz schön rational damals

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Wer an die politische Sprache Amerikas denkt, dem wird das Merkmal der "Rationalität" gegenwärtig wohl nicht zuerst einfallen. Nicht erst seit Bush junior und nicht erst seit dem "11. September" ist der offizielle politische Diskurs der Vereinigten Staaten, zumal die Rhetorik der Präsidenten, aus europäischer ...

          Wer an die politische Sprache Amerikas denkt, dem wird das Merkmal der "Rationalität" gegenwärtig wohl nicht zuerst einfallen. Nicht erst seit Bush junior und nicht erst seit dem "11. September" ist der offizielle politische Diskurs der Vereinigten Staaten, zumal die Rhetorik der Präsidenten, aus europäischer Sicht alles andere als nüchtern-vernunftorientiert, vielmehr manichäisch und missionarisch, zivilreligiös und pathetisch. Mit Links-rechts-Schemata hat das nur sehr bedingt etwas zu tun; Reagan und Bush unterscheiden sich darin nicht grundsätzlich von Kennedy und Carter.

          Doch zum Glück gibt es das achtzehnte Jahrhundert und die "Founding Fathers" - zum Glück für Amerika wie für die an Amerika zu verzweifeln drohenden Europäer. Die politische Literatur der amerikanischen Revolutionszeit, vom kolonialen Protest über die Unabhängigkeitsbewegung bis zur Begründung der nationalen Republik, stellt noch immer eine schier unerschöpfliche Ressource für heutige Forscher, für heutiges Nachdenken über Amerika dar: Idealismus, Pathos und religiöse Fundierung waren dieser Generation wahrlich nicht fremd, aber vor allem beeindruckt die kühle, oft geradezu szientifische Rationalität, mit der diese Politiker und Intellektuellen um John Adams und Thomas Jefferson, Thomas Paine und Patrick Henry, Alexander Hamilton und James Madison eine neue Staatsordnung entwarfen und begründeten - eine Staatsordnung, die mehr sein sollte als ein neues Institutionengeflecht, die deshalb eine neue Gesellschaft und neue Anthropologie mit einschloß.

          Das alles ist bis in die jüngste Zeit ebenso häufig beschrieben worden - gelehrt oder unterhaltsam, theoretisch oder anschaulich -, wie über die ideologischen Wurzeln des revolutionären Denkens und der amerikanischen "new science of politics" (Gordon Wood) gestritten wurde. Es liegt freilich einige Zeit zurück, daß die Forschung dabei zum letzten Mal wirklich neue Horizonte erschlossen hat: nämlich mit dem Streit zwischen der "republikanischen" und der "liberalen" Deutung der Revolution in den siebziger und achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Im Moment herrscht eine Phase vor, die der Wissenschaftsphilosoph Thomas Kuhn als "Normalwissenschaft" kennzeichnen würde. Man wartet gespannt darauf, welchem Autor, welchem Buch es gelingt, diese Innovationsschwelle zu überschreiten und eine neue Deutung der revolutionären Politik und Ideologie im späten achtzehnten Jahrhundert vorzulegen, die produktiv und spannungsreich auf die Krise und die Neudefinition Amerikas am Beginn unseres Jahrhunderts bezogen ist.

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