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Literaturnobelpreisträger : Gute Reise, Don Gabriel

Fünfzig Jahre Zweisamkeit: Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez und seine Frau Mercedes Barcha 2010 in Havanna Bild: EPA

Rodrigo García, der Sohn des kolumbianischen Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez, hat ein beeindruckendes Buch über die letzten Lebenswochen seines Vaters geschrieben.

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          Ein vieldeutiger Satz des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez (1927 bis 2014) lautet, er habe ein öffentliches Leben, ein privates Leben und ein geheimes Leben. Jetzt hat sein ältester Sohn, Rodrigo García Barcha, mit „Gabo y Mercedes: Una despedida“ (Gabo und Mercedes: Ein Abschied) eine bewegende Erinnerung an die letzten Jahre seines Vaters geschrieben, die soeben auf Spanisch erschienen ist und im Juli auch im englischen Original herauskommt. Im Mittelpunkt stehen Demenz und letzte Krankheit des Literaturnobelpreisträgers von 1982, aber auch die überragende Rolle von Mercedes Barcha, „La Gaba“, die über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg die Ehefrau des Autors, seine erste Leserin, Muse und die unumstrittene Befehlsgewalt im Haus war. Erst nach dem Tod seiner Mutter im August 2020, so Rodrigo García, habe er es wagen können, den Bericht über das Ende des Schriftstellers zu veröffentlichen.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Selten liest man ein Werk, in dem der alle Familienangehörigen verschlingende Ruhm eines einzigen Mitglieds mit so viel Feingefühl dargestellt wird wie hier. Von der popstarähnlichen Beliebtheit „Gabos“, wie der Autor im Spanischen genannt wurde, macht man sich ohnehin schwer einen Begriff. Zwei Staatspräsidenten, die Kolumbiens und Mexikos, sprachen bei seiner Trauerfeier, Tausende kamen, um ihm, der selbst niemals zu Begräbnissen gegangen war, das letzte Geleit zu geben. Diese Magie bedeutete andererseits, dass die direkte Familie nicht nur vom Ruhm des Vaters profitierte, sondern auch unablässig zum Gegenstand von Klatsch, Gerüchten und intensiver Belagerung durch die Medien wurde, erst recht, nachdem der schon seit Jahren demente Schriftsteller zu Untersuchungen ins Krankenhaus gebracht werden musste und kurz darauf als inoperabel wieder nach Hause zurückkehrte: Nun begann im Hauptwohnsitz des seit 1958 verheirateten Paares in Mexiko-Stadt das wochenlange Warten auf seinen Tod, so wie García Márquez selbst das Sterben seiner Figuren immer wieder als Untergang eines Universums aus Machtwillen, Leidenschaften und Sehnsucht beschrieben hatte.

          Die Strategie der Familie in Bezug auf den Kranken, der kaum noch einen eigenen Willen äußern kann, beruht auf common sense: den Mann nach Hause holen, ihm unnötige Qualen ersparen und ansonsten so viel Normalität bewahren wie möglich. Mercedes Barcha akzeptiert das Todesurteil, ohne es auszusprechen; viele Jahrzehnte hindurch hat sie durch Haltung Autorität ausgestrahlt und tut es auch jetzt. Doch öfter als sonst greift sie wieder zur Zigarette. Ein Krankenhausbett wird geliefert, und sobald die Firma begreift, wer der berühmte Kranke ist, folgt ein Brief der Geschäftsführung mit der Information, das Bett müsse nicht bezahlt werden, es sei eine Ehre, ihm diesen Dienst zu erweisen.

          Der tote Vogel auf dem Sofa

          Krankenschwestern und Pfleger sind rund um die Uhr im Einsatz. Die Söhne Rodrigo und Gonzalo, damals beide schon in den Fünfzigern, erkennt der Schriftsteller nicht mehr und fragt eine langjährige Hausangestellte: „Wer sind diese Menschen im Zimmer nebenan?“ Als er aufgeklärt wird, sagt García Márquez: „Im Ernst? Diese Männer? Wahnsinn. Ist ja unglaublich.“ Jahre zuvor, als er noch mitbekam, dass er das Gedächtnis verlor, war es schwerer für ihn. „Ich arbeite mit meiner Erinnerung. Die Erinnerung ist mein Werkzeug, mein Grundstoff. Helft mir, ohne Erinnerung kann ich nicht arbeiten.“ Es waren die Monate, als er erstmals seine eigenen Romane wieder las und überrascht war, auf der Umschlagklappe sein eigenes Foto zu finden.

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