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Literaturnobelpreisträger : Gute Reise, Don Gabriel

Liebevoll und unsentimental: Der Regisseur Rodrigo García schrieb ein Buch über den Tod seines berühmten Vaters.
Liebevoll und unsentimental: Der Regisseur Rodrigo García schrieb ein Buch über den Tod seines berühmten Vaters. : Bild: Picture-Alliance

Über den Tod zu schreiben heißt auch – wenn es einem gegeben ist – knapper werden, ehrlicher werden, einfacher werden. Genau das wird der Autor dieses schmalen Buches. Er berichtet von dem toten Vogel, der in den schwierigsten Tagen in einem Zimmer auf dem Sofa gefunden wird und der von den einen als böses Omen, von anderen als hoffnungsvolles Zeichen für das Schicksal des Todkranken genommen wird. Natürlich steht eine vergleichbare Szene, nur viel mächtiger, schon in „Hundert Jahre Einsamkeit“, was der Sohn durchaus tröstlich findet: So oft war in diesem Haus die Fiktion praller und realer als die Wirklichkeit.

Hunderte Bewunderer und Schaulustige finden sich vor dem Haus ein, warten, harren aus, und irgendein Gesicht muss man ihnen zeigen, wenn man aus der Tür tritt. Rodrigo und seine Angehörigen probieren es mit Höflichkeit und Distanz. Es gibt sehr komische Szenen in diesem Buch, peinliche Augenblicke, auch rührende Momente, etwa den, als die langjährige Sekretärin des Schriftstellers bemerkt, was für schöne Füße García Márquez hat. Oder später, als alles vorbei ist, die Initiative der Leichenbestatterin, die das abgekämpfte Gesicht des Toten ein bisschen aufhübscht, ohne um Erlaubnis zu bitten, weil Schönheit eben doch etwas Tröstliches hat. Und die Familie ist dankbar dafür.

Ein Mann für Klassik und Folklore

Es fallen auch Bemerkungen zur Literatur, vereinzelte Blüten inmitten von Herbstlaub. García Márquez war früh klar, welche Bedeutung er für Kolumbien und Lateinamerika besaß, doch er vergaß darüber nicht, dass drei noch Größere – Tolstoi, Proust und Borges – nie den Nobelpreis bekommen hatten, so wenig wie seine modernen Lieblingsautoren Virginia Woolf, Juan Rulfo und Graham Greene. Er war selbstkritisch, ein skrupulöser Handwerker mit ausgesprochen journalistischen Tugenden, und der Unterschied zwischen ernsthafter und leichter Kunst existierte für ihn bei Büchern so wenig wie in der Musik. Bei Gabo erklang nicht nur Bartók, sondern auch Richard Clayderman und vor allem kolumbianische Folklore.

Rodrigo García weiß, was er sich und dem Andenken seiner Eltern schuldig ist. Er schreibt für sich selbst, aber mit größtmöglichem Schutz für die imaginierten Empfindungen der geliebten Toten, und er weiß außerdem, dass Demut möglicherweise seine ganz persönliche Form der Eitelkeit ist. Dennoch schafft er es, mit entwaffnender Schlichtheit von den Facetten des Weltruhms zu berichten – dass man seinen Vater etwa in Kalifornien nicht erkannte, weil literarische Kultur dort weniger gilt als Geld oder gute Zähne, in Mexiko-Stadt jedoch ein vollbesetztes Restaurant in spontanen Beifall ausbrechen konnte, wenn García Márquez durch die Tür trat.

In den Wochen der Agonie im Frühjahr 2014 pendelt der Sohn zwischen Mexiko-Stadt und Los Angeles, wo er als Drehbuchautor und Filmregisseur lebt, dort hat er bei legendären amerikanischen Fernsehserien wie „The Sopranos“ und „Six Feet Under“ Regie geführt und sich eine unabhängige Existenz aufgebaut. In seinem Buch deutet er an, das andere Land und die andere Sprache – beide blieben dem Nobelpreisträger zeitlebens fremd – seien eine notwendige Flucht aus dem Bannkreis des weltberühmten Vaters gewesen.

Aber dabei bleibt es auch: Hier spricht ein liebevoller, unsentimental erzählender Sohn von der prägenden Figur seines Lebens, und wie manche Erinnerungswerke „aus der Nähe“ lebt auch dieses von einer Mischung aus Beobachtungsgabe, Takt und Verdichtung durchs sprechende Detail. Natürlich will man am Ende auch noch hören, wie sich die Hausangestellten von Kolumbiens größtem Schriftsteller verabschiedeten. „Gute Reise, Don Gabriel“, sagt die Köchin, als man den soeben Gestorbenen aus dem Haus rollt. „Adiós, Chef“, sagt seine Assistentin im Krematorium lakonisch, als der Körper langsam in den Flammen verschwindet. Dann applaudieren auch die Angestellten des Bestattungsunternehmens.

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