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Gabriel García Márquez : Sex ist nur ein Trost

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Meldet sich zurück: García Márquez Bild: AP

„Erinnerung an meine traurigen Huren“: Nach zehn Jahren hat Gabriel García Márquez wieder ein erzählerisches Werk veröffentlicht. Es ist, wie immer bei García Márquez, mehr als nur ein literarisches Ereignis.

          Seit zehn Jahren hatte Gabriel García Márquez kein erzählerisches Werk mehr veröffentlicht. 1994 war der Roman "Von der Liebe und anderen Dämonen" erschienen, danach die große journalistische Reportage "Nachricht von einer Entführung" und der erste Band seiner Memoiren, der allerdings ein eminent literarisches Buch mit beachtlichen erzählerischen Qualitäten ist.

          Das gerade in einer Erstauflage von einer Million Exemplaren bei Mondadori veröffentlichte Bändchen "Memoria de mis putas tristes" (Erinnerung an meine traurigen Huren) ist - nicht nur vom Umfang her gesehen - eigentlich eine Novelle; García Márquez hatte vor vielen Jahren schon mit der Niederschrift begonnen und wollte das kleine Werk zunächst innerhalb eines Bandes von Erzählungen veröffentlichen. Während der Arbeit am zweiten Band seiner Memoiren schrieb er die unveröffentlichte Erzählung weiter und beendete sie im vergangenen Mai als Novelle oder, wie man im spanischen Sprachraum gewöhnlich sagt, "als kurzen Roman".

          Mit den ersten Sätzen direkt ins Herz

          Wie auch in anderen Romanen, etwa in "Hundert Jahre Einsamkeit" oder "Chronik eines angekündigten Todes", führen in den "Traurigen Huren" schon die ersten, einprägsamen Sätze mitten ins Herz der Geschichte. Der greise Erzähler kündigt an: "Im Jahr, in dem ich neunzig wurde, wollte ich mir zum Geburtstag eine Nacht wilder Liebe schenken, mit einem Mädchen, das noch Jungfrau war." Als er von einer ihm bekannten Kupplerin das jungfräuliche Mädchen vermittelt bekommt, verliebt er sich wie nie zuvor. Doch aus der geplanten "Nacht wilder Liebe" werden mehrere Nächte platonischer Liebe, in denen er das schlafende Mädchen Delgadina betrachtet, ohne sie anzurühren. Er sagt sich selbst, daß er sie schlafend bevorzugt, und weckt sie nicht.

          Während er die schlafende, nackte Delgadina betrachtet, erinnert er sich an die erotischen Erfahrungen seines langen Lebens, an einige seiner insgesamt fünfhundertvierzehn Frauen, die er immer bezahlt hatte. Die wenigen, die keine Prostituierten waren, hatte er beschenkt, "um seine Ruhe zu behalten". Die Huren, die keineswegs alle traurig waren, ließen ihm keine Zeit zum Heiraten. Der Titel des Buches ist auch der eines erotischen Tagebuches, in das der Erzähler - von Beruf Lehrer für spanische Grammatik und Latein - seine sexuellen Erlebnisse mit den Namen der Partnerinnen, Zeit, Ort und besonderen Umständen eingetragen hatte. Die lange Betrachtung des schlafenden Mädchens stürzt den Neunzigjährigen in eine von seiner methodischen Vernunft nicht kontrollierbare Verliebtheit, in der er sich selbst nicht mehr erkennt.

          Wenn einen die Liebe nicht erreicht

          Da ist es: das neue Buch

          Nach den ersten Nächten mit dem schlafenden Mädchen im Zimmer des von der Kupplerin geführten Bordells schreibt er ganz anders. Seine bis dahin wenig beachteten und jetzt durch seine Emotionen bereicherten Zeitungsartikel werden nun viel diskutiert und machen ihn in weiten Kreisen populär. Er kommt zu Einsichten, die ihn selbst überraschen, wie etwa der, daß "Sex nur ein Trost ist, wenn einen die Liebe nicht erreicht". Dem schlafenden Mädchen liest er aus dem "Kleinen Prinzen" Saint-Exupérys und aus einer für Kinder gereinigten Ausgabe von "Tausendundeiner Nacht" vor und singt für sie Boleros, Lieder der einfachen romantischen Liebe. Er verwechselt zunehmend die wirkliche mit einer in seiner Phantasie entstehenden, irrealen Welt.

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