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Gabriel García Márquez : Erzählen, dass der Boden bebt

Ein Mann des Volkes: Gabriel García Márquez Bild: AP

Der Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ veränderte die Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts, sein Autor unser Bild von Südamerika. Zum achtzigsten Geburtstag von Gabriel García Márquez, dem großen Erzähler und umstrittenen Freund Fidel Castros.

          Jede Minute, sagt Gabriel García Márquez gern, wird irgendwo in der Welt ein Buch von ihm verkauft. Das klingt toll. Bis man nachrechnet und auf 1440 Stück am Tag oder eine gute halbe Million Exemplare im Jahr kommt, was nur eine gehörige Untertreibung sein kann. Aber so ist das, wenn man in allem herausragend ist - der populärste lateinamerikanische Schriftsteller unserer Tage, geliebt, verehrt, einer der wirklich unanfechtbaren Literaturnobelpreisträger des letzten halben Jahrhunderts: Gabriel García Márquez kann den eigenen Erfolg hinter einer Prahlerei verstecken, die sich bei näherem Hinsehen als Understatement erweist.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Über die tatsächlichen Dimensionen seines weltweiten Ruhms in rund vierzig Sprachen bewahrt Carmen Balcells, die Big Mama des spanischen Agentenwesens, eisernes Schweigen. Bärbel Flad dagegen, die sein Werk bei Kiepenheuer & Witsch betreut, scheut sich nicht davor, konkret zu werden. Danach ist „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ im deutschsprachigen Raum in rund 1,4 Millionen Stück verbreitet („weil im Titel das Wort ,Liebe' vorkommt“), „Hundert Jahre Einsamkeit“ in 1,2 Millionen, und „Chronik eines angekündigten Todes“ fand bis heute mehr als sechshunderttausend Käufer.

          Unglaubliche Zahlen

          Für ernsthafte Literatur sind das unglaubliche Zahlen. In Lateinamerika, mit seinen kleinen Auflagen, schwierigen Vertriebswegen und weitverstreuten intellektuellen Eliten, hatte es dergleichen ohnehin noch nie gegeben. Der Schriftsteller Hugo Loetscher, der den Roman, mit dem alles begann, bei Erscheinen der deutschen Übersetzung 1970 in der „Zeit“ rezensierte, erklärte bündig, worin erst der Affront, dann die Befreiung bestand: „Der Autor deklarierte den Abenteuer- und Ritterroman zum Vorbild. Und dies einer Kritik gegenüber, die sich stets bemühte, den nouveau roman oder das absurde Theater oder strukturalistische Probleme mit gleicher Sachkenntnis und Promptheit zu diskutieren wie in New York oder Paris.“

          Ein Mann des Volkes: Gabriel García Márquez Bilderstrecke

          Wenn sich schon das lateinamerikanische Publikum von García Márquez so animieren ließ, dass die Erstausgabe von „Cien años de soledad“ zwischen 1967 und 1976 zwei Millionen Käufer fand, denen bis 1987 angeblich dreihundertfünfzig weitere Millionen folgten, wie musste ein solcher Befreiungsschlag erst auf europäische Leser wirken. Und wie erst auf deutsche! Nichts gegen Beckett oder Nathalie Sarraute. Unser Fluch - neben der landläufigen deutschen Innerlichkeitsprosa - waren nur die hundert kleinen Becketts und tausend kleinen Sarrautes: all die kurzen Sätze und tristen Gefühle in sehr epigonalen, luftigen Büchern, deren Handlung man vergessen hatte, sobald die letzte Seite umgeblättert war. Höchste Zeit, dass sich wieder jemand traute, als souveräner Erzähler aufzutreten, um nicht die Begrenztheit, sondern die Universalität seiner Geschichten zu demonstrieren.

          Ein Kuhdorf namens Macondo

          Das war der Augenblick von Gabriel García Márquez. Schon der Titel, unter dem das Wunder in die Welt trat, klang so rätselhaft wie verführerisch: „Hundert Jahre Einsamkeit“. Von nun an gehörten Zahlenmystik, unerhörte Begebenheiten, dampfende Vegetation und sintflutartige Regenfälle in einem Kuhdorf namens Macondo zum Inventar dessen, was das Etikett des „Magischen Realismus“ (der in den Augen des Autors ja der Wirklichkeit der kolumbianischen Karibikküste entsprach) zu verheißen schien - nicht als Dekor, sondern als Spiegelung eines stolzen, leidenschaftlichen Menschenbildes. Es gibt keine zäheren, besesseneren Figuren als bei García Márquez, keine verbohrteren und verrückteren. Während seine Kollegen oft zergrübelte Einzelgänger und kleinlaute Verlierer zeichneten, stellte der Kolumbianer seine Figuren mit solcher Macht auf die Füße, dass der Boden bebte. Einmal steigt eine schöne Frau bei ihm leibhaftig in den Himmel auf. Große Gefühle und große Taten gehören hier endlich wieder zusammen.

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