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Interview mit Dave Eggers : Wir brauchen eine neue Erklärung der Menschenrechte

  • -Aktualisiert am

Oh, das wäre herrlich! Wir brauchen so viele Stimmen wie möglich, um die Gefahren aufzuzeigen. Manchmal sieht man klarer, wenn man es in Geschichten liest oder in einem Roman. So etwas kann man nicht in einem Tweet unterbringen. Dafür braucht man wirklich die Literatur. Ob wir jemals eine kritische Masse zusammenbekommen, weiß ich aber nicht. Im Moment kämpft jeder seinen Kampf, um die Herausforderungen der Kommunikationstechnik in seinem Alltag zu bewältigen. Oder? Ich kenne eigentlich niemanden, der sagt: Okay, ich habe es super ausbalanciert, ich habe das alles im Griff. Vielleicht sind wir gerade in einer Zwischenphase der Korrektur, kurz vor der Balance.

Da ist ja Ihr Optimismus wieder.

Ja, ich bin auch ermutigt davon, dass so viele Menschen mein Buch gelesen haben.

Wie kommunizieren Sie eigentlich mit Ihren Lesern?

Nur im direkten Gespräch, auf Lesungen, Signierstunden und so. Das genieße ich unglaublich, ich kann da stundenlang sitzen und reden. Ansonsten bin ich in den ganzen sozialen Netzwerken ja nicht präsent – und wirklich froh darüber. Es kommt da auch nie zu Missverständnissen, wie es bei elektronischer Kommunikation irgendwie permanent passiert. Freunde von mir, die viel in sozialen Netzwerken aktiv sind, haben irgendwie oft komplizierte Beziehungen. Ist jedenfalls mein Eindruck. Emphatisch bleiben, in einem nichtkörperlichen Dialog – das ist eine große Herausforderung, finde ich. Oder wenn man sich die Kommentare im Netz ansieht, bei jedem Youtube-Video ist es so: Ab dem fünften Kommentar beginnen Beleidigungen, Hass, Rassismus.

Weil jeder anonym auftritt. Das ist ja eine der Verheißungen der Circle-Welt: Keine Anonymität im Netz. Würde das helfen?

Erst mal ja. Und auch im Circle wird es ja zunächst aus menschenfreundlichen Gründen eingeführt: Wie können wir zivilisierte Dialoge im Netz ermöglichen? Aber für jede gute, menschenfreundliche Idee findet sich jemand, der sie zu Geld macht. Ist doch klar: Jeder, der mit seinem echten Namen im Netz unterwegs ist, der ist viel mehr wert für die Firmen, die Daten kaufen. Wie anders war das noch beim Fernsehen: Du hast geschaut, und niemand schaute zurück.

Im Roman haben Sie dafür das Bild des transparenten Hais geschaffen.

Die meisten Menschen, die bei den Technologiekonzernen arbeiten, sind nett, brillant und idealistisch. Und dann gibt es Typen wie Stenton, den Herrscher von Circle, er ist wie der Hai: Er verschlingt alles, was man ihm hinwirft, alles, was schön, klein und harmlos ist, wird verschlungen, verarbeitet, und es bleibt nur Asche zurück. Diese Firmen haben einen unstillbaren Hunger. Alles wird verwertet.

Ein letztes Mal gefragt: Wo ist der Ausweg?

Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur: Gelähmt sein ist keine Lösung. Wir haben alles reguliert, die Luftfahrtindustrie, die Pharmaindustrie, wir haben Regeln für Nahrungsherstellung, für Wasser, all diese Dinge haben wir erfolgreich reguliert. Nur diesen einen Bereich lassen wir komplett ungeregelt. Mir ist schon klar, nach Regulierung zu rufen ist nicht populär. Aber ich fürchte, es muss sein.

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