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Interview mit Dave Eggers : Wir brauchen eine neue Erklärung der Menschenrechte

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Was brauchen wir also?

Wir brauchen eine Firewall. Wie vor vielen Jahren, als in Schottland das Schaf geklont wurde. Da gab es einen riesigen Aufschrei, auch unter Wissenschaftlern, und kurz darauf Gesetze auf der ganzen Welt, die das Klonen von Menschen verbieten. Nur so kann man es verhindern. Und so etwas haben wir im Moment nicht. Es gibt nicht einmal Einigkeit darüber, ob und was wir regulieren müssen.

Wo ist für Sie die Grenze?

Jeder muss Kontrolle über seine Daten haben. Es gibt eine Maxime im Silicon Valley: Wenn du etwas umsonst bekommst, bist du selbst der Preis. Jede Gratis-App macht Geld aus dir, deinen Daten, deiner Teilhabe.

Waren Sie eigentlich immer schon so misstrauisch?

Ein Skeptiker war ich immer schon. Nicht immer im Guten natürlich. Oft war ich einfach ein Idiot. Übervorsichtig. Ich hielt E-Mails am Anfang für einen schlechten Witz. Ich bin ein slow adopter, ich warte immer erstmal ab und schaue zu.

Wie haben Sie das gemacht, als Skeptiker und Beobachter vom Rande die Circle-Welt so realistisch darzustellen?

Ich war nie bei Google zum Beispiel, habe keine direkte Recherche gemacht, ich will ja auch nicht ein bestimmtes, reales Unternehmen darstellen. Aber vor zwei Wochen traf ich eine Google-Mitarbeiterin, habe ihr ein Buch signiert, und sie sagte, ich hätte ihren Arbeitsalltag exakt beschrieben. Alle in ihrem Büro sagten das, als hätte ich ihnen über die Schulter geschaut. Aber ich war nie da, ich wollte phantasieren, nicht recherchieren. Genauso war es mit den Erfindungen. Als ich fertig war, musste ich feststellen, dass ein guter Teil der Produkte, von denen ich dachte, ich hätte sie mir ausgedacht, längst existiert.

Was zum Beispiel?

Zum Beispiele diese winzigen Kameras. Drei Wochen nachdem das Buch rauskam, hörte ich im Radio einen Bericht über Dropcams: Mikrokameras, die du überall installieren kannst. Und die bewerben das - das hätte ich mir als Satire nicht besser ausdenken können – so: „Fragen Sie sich auch immer wieder, wohin Ihre Socken verschwinden? Schluss damit: Einfach eine Kamera im Waschraum aufbauen und beobachten, wohin Ihre Socken verschwinden.“ Und es gibt kein Gesetz, das sagt: Nein, du kannst deine Kamera nicht überall aufstellen, wo du möchtest.

In Ihrem Buch ist immer wieder vom fehlenden moralischen Kompass die Rede. Wo bekommen wir den her?

Ja, das ist die große Frage. Wir leben echt in merkwürdigen Zeiten. Die Leute denken ja, ich bin paranoid oder komme aus irgendeinem irrelevanten Zeitalter der Vergangenheit. Wir sind alle geblendet von den Verheißungen der Technik, den Erleichterungen, dem Zugang zu allem, wir sind blind für die Gefahren, die so winzig erscheinen im Vergleich zu den tollen Möglichkeiten. Ich glaube, es wird keine Änderung im Verhalten der Menschen geben, solange die Herrlichkeiten so viel größer erscheinen als die Gefahren.

Aber wie lenkt man ohne moralischen Kompass?

Na ja, wie Mae. Wann immer sie zweifelt, zweifelt sie nicht an der Welt, sondern an sich selbst: „Ich muss mich ja täuschen, weil die Firma, die es gut mit mir und allen meint, sagt, dass es gut ist.“ Die Nadel des moralischen Kompasses unserer Zeit zittert. Seit zehn Jahren sind wir in der Phase, in der sie sicheren Norden sucht. Ich bin wirklich gespannt, wann sie anhält und uns die Richtung weist.

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