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Interview mit Dave Eggers : Wir brauchen eine neue Erklärung der Menschenrechte

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Was müsste in diesen neuen Menschenrechten festgelegt sein?

Das Recht, sein digitales Profil zu kontrollieren, sein digitales Ich, seine Einkaufsgeschichte, seine Daten. All die Dinge, die jetzt zu Geld gemacht werden, ohne darüber zu informieren, ohne Kontrolle. Heute ist es pseudolegal, diese Daten zu sammeln und zu verkaufen. Man hat nicht das Recht, es zu verbieten. Milliarden Menschen schaffen Reichtum für einige wenige mit ihren Daten, ohne selbst Zugang dazu zu haben.

Die Figuren im „Circle“, die versuchen, das aufzuhalten, nehmen kein gutes Ende. Sehen Sie trotzdem Grund zur Hoffnung?

Ich bin zum Beispiel sehr ermutigt durch das, was in Deutschland geschieht, die Proteste, die Klagen gegen die Internetkonzerne. Das politische Bewusstsein dafür ist in Deutschland und in weiten Teilen Europas viel größer als in den Vereinigten Staaten. Deutschland spielt da eine wichtige Rolle. Es gibt da aufgrund der geschichtlichen Erfahrungen eine größere Angst, dass zu viel Macht in den Händen weniger Menschen liegt. Diese Gefahr erkennt man in den Vereinigten Staaten nicht. Dass die NSA praktisch alles mitliest, darüber gibt es keinen Aufschrei.

Wann ist es Zeit, die Aushöhlung unserer Rechte zu stoppen?

Immer, wenn man denkt: Okay, das geht jetzt wahnsinnig weit, die nächste Generation wird kommen und wutentbrannt all das stoppen, was wir zugelassen haben, dann ist das Gegenteil der Fall. Die machen immer weiter. Gerade ist man noch empört über eine App, die all deine Kontakte automatisch speichert und weiterverwertet, und wartet auf Empörung, da sieht man schon: Diese Erfindung ist schon selbstverständlicher Bestandteil und notwendige Basis einer neuen Generation von Apps.

Sie klingen sehr pessimistisch.

Das Recht ist zurzeit einfach sehr dehnbar. Und wir vorsichtigen Menschen sind eine kleine Minderheit. Wir sind in der Mitte dieser Welle, aber ich sehe niemanden, der gegen diese Welle rebelliert. Und wenn diese Programme aus kommerziellen Gründen in die Hände totalitärer Regime fallen wie in Syrien oder China, sehe ich schwarz. Ich bin sicher, die kontrollieren jetzt schon alles. Und von privaten Unternehmen wird das unterstützt. Auch in den Vereinigten Staaten, als große Telefonunternehmen ihre Daten bereitwillig der NSA zur Verfügung stellten. Die NSA hatte gar nicht das Recht dazu, aber die Firmen taten es einfach, ohne zu diskutieren. Das ist Komplizenschaft. Es sind beängstigende Zeiten. Und ich weiß nicht, ob es genug Leute gibt, um dagegen zu kämpfen.

Warum ist die Empörung so leise?

Ich wünschte, ich wüsste es. Vielleicht ist es wie mit dem Kanarienvogel in der Kohlengrube. Man stellt einen Kanarienvogel auf den Boden der Mine, und wenn er stirbt, weiß man: Es fehlt Sauerstoff. Wir haben keinen Kanarienvogel. Snowden ist das eine. Aber es gibt noch kein Beispiel eines direkten Effekts, es gab noch keinen, der ins Gefängnis musste, weil die NSA seine Mails gelesen hat. Vielleicht warten wir darauf: eine Symbolfigur des Widerstands.

Der Witz an der totalen Überwachung der Gegenwart ist ja vor allem: Alle tun es freiwillig. Alle geben freudig ihre Daten her.

Es ist auch eine Statusfrage. Wie viele Bildschirme habe ich? Wie viele Dinge kann mein Handy? In Amerika lassen sich jede Menge Leute Chips implantieren. Freiwillig. Viele meiner Freunde tragen Gesundheitsbänder, die alle ihre Daten an die Behörden weitergeben. Alles freiwillig. Ist das nicht faszinierend? Und wir schreiten munter voran. Gestern habe ich mit jemandem gesprochen, der die Manipulation des Nervensystems erforscht. Wir haben nur so über Möglichkeiten gesprochen, und ich fragte immer: Und das ist machbar? Ja, das ist machbar, meinte er immer. Und wir leben in einer Zeit, in der alles, was machbar ist, auch gemacht wird.

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