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Interview mit Dave Eggers : Wir brauchen eine neue Erklärung der Menschenrechte

  • -Aktualisiert am

Scheint etwas übertrieben.

Ist es aber nicht. Ich war früher öfter auf solchen Listen, Freunde hatten mich daraufgesetzt. Und dann reagieren Leute, die man für vernünftig hielt, plötzlich tödlich beleidigt, weil man auf ihre Sammelmail nicht antwortet. Das ist doch verrückt. Ich glaube, dass in den letzten zehn Jahren so etwas wie eine menschliche Mutation stattgefunden hat, das Genom wurde verändert, erweitert um eine neue Erwartungshaltung. Wir sind in einer neuen Welt der unausgesprochenen Verpflichtungen, die wir alle eingegangen sind. Ich glaube, es ist fast unmöglich, immer online zu sein, ohne ständig irgendwelche Leute zu verletzen. Dieser Terror des permanenten Kontakts ist das perfekte Rezept für permanente zwischenmenschliche Katastrophen.

Was für Konsequenzen ziehen Sie selbst daraus?

Ein halbes Jahr lang hatte ich nicht mal eine E-Mail-Adresse. Jetzt habe ich wieder eine, die kennen aber nur die engsten Freunde. Und ich bin auf keiner Liste. Sechs, sieben E-Mails bekomme ich jeden Tag. Mehr nicht.

Freunde, die Sie auf Listen setzen, haben Sie keine mehr?

Wenn Sie mich auf so eine Liste setzen, sind sie keine Freunde mehr. Ich glaube echt, wir müssen in diesen Dingen wieder Benehmen lernen, Regeln oder auch Manieren. Wie wir mit unseren Daten umgehen, Adressen, was wir erwarten können und sollten. Nichts ist mehr selbstverständlich. Für mich ist klar: Ich kann an alldem nur minimal teilnehmen. Sonst ist es doch so: Man wacht auf, checkt seine Mails, und die bestimmen dann die nächsten acht Stunden. „Schleusen öffnen“, heißt es im Roman. Man hat keinen freien Willen mehr. Ich habe mich in der Zeit wie ein Diener gefühlt, ein Diener in meinem eigenen Leben. Dann bin ich geflohen, ich war sechs Monate offline. Jetzt komme ich gerade wieder zurück, ganz reduziert.

Flucht vor dem Netz, aber wie? Der Autor Dave Eggers entwirft das Bild einer Gesellschaft nach dem Abbild von Google

Das klingt fast zwanghaft.

Ist es auch. Ich bin ganz schlecht in diesen Dingen. Ich hadere, ich kämpfe. Ich habe keine Ahnung, wie Leute da eine gute Balance hinkriegen, die auf allen möglichen Plattformen aktiv sind. Ich kriege da gar nichts mehr hin. Ich glaube, die haben bessere Gehirne als ich.

Bessere Manieren reichen als Lösung jedenfalls wohl nicht aus.

Aber ein erster Schritt ist es. Ich hatte mal einen Freund, der schickte mir eine Nachricht, auf die ich drei Tage lang nicht reagiert habe. Ich hatte sie wohl geöffnet, aber nicht geantwortet. Er hatte irgendeine Software, mit der er das sehen konnte. Er beschwerte sich: Du hast meine Botschaft vor drei Tagen gelesen. Warum antwortest du nicht? Das ist doch erschreckend. Einen Freund auf diese Weise auszuspähen oder Informationen zu sammeln, die dich nichts angehen. Ich finde das gruselig.

Was muss sich ändern?

Die Möglichkeiten der totalen Überwachung von heute sind natürlich erschreckend. Dass all unsere Daten durch Schleusen gehen, die von wenigen Konzernen kontrolliert werden. Das ist so ungefähr das, was ich erzählen will in meiner Fabel über das Leben in einer Firma, die auf den ersten Blick nur das Wohltätigste und Beste im Sinn hat. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie sich die aktuelle Lage entwickeln könnte, wenn sich diejenigen, die die Schleusen kontrollieren, entschließen, ihre Macht zu missbrauchen. Wir sind von einer Welt, wie ich sie im „Circle“ darstelle, nur wenig entfernt. Jede Woche erfahren wir Neues über die NSA. Wir brauchen eine neue Erklärung der Menschenrechte, über die Rechte von Individuen im digitalen Zeitalter und über den Schutz unserer Privatsphäre.

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