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Friedrich Kittlers Nachlass : Am Flipper war Professor Adorno nicht zu schlagen

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Ein Baggersee, wie ihn auch der junge Friedrich Kittler und seine Freunde frequentierten: Szene am Langener Waldsee in den frühen siebziger Jahren Bild: Dieter Schirg

Viel Freud, Musik und Drogen: Als Vorspann zur großen postumen Werkausgabe Friedrich Kittlers erscheinen frühe Texte aus dem Nachlass. Viele Motive des Medien- und Literaturwissenschaftlers, der neue Wege einschlug, sind in diesen Aufzeichnungen bereits versammelt.

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          Zur Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften, die der Literatur- und Medienwissenschaftler Friedrich Kittler zu seinem akademischen Markenzeichen machte, gehörte der Verzicht auf das Wörtchen „sich“. Im Reflexivpronomen erblickte Kittler den idealistischen Ballast, von dem er sich frei zu machen suchte, inklusive Geist, Dialektik und Subjekt.

          In seiner im Stammheim-Jahr 1977 publizierten Dissertation über Conrad Ferdinand Meyer erlegte er sich daher den Verzicht auf das Wörtchen auf - um den Schweizer Dichter ganz ohne Innenleben, dafür aber mittels „datierbarer“ Beziehungen zu dessen Mutter, Frau und Schwester darzustellen. Mit seinem Kunstgriff initiierte Kittler einen Paradigmenwechsel und begründete ein idiosynkratisches Schreibprojekt. Wie Heidegger, Luhmann oder Adorno gehört er zu den Autoren, die man auf Anhieb an ihrem Ton erkennt. Für seine Schüler stellt das ein schwieriges Vermächtnis dar. Vier Jahre nach Kittlers Tod geben sie jetzt seine gesammelten Schriften sowie Teile seines Nachlasses in einer auf dreißig Bände angelegten Werkausgabe heraus.

          Als Appetithappen der monumentalen Edition ist ein schmales Buch erschienen, das unveröffentlichte Texte aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren enthält. Die 112 alphabetisch geordneten kleinen Prosastücke reichen von Alkohol über Pop-Art bis zu Wahnsinn und Zwergen - und sind naturgemäß von ganz unterschiedlicher Qualität. Die Geistesblitze und Ideenprotokolle eines jungen Gelehrten stehen neben Schreibübungen mit literarischer Ambition. Leider hat der Autor seine losen Blätter ohne Datierung hinterlassen. Wann welche Theorien und Motive auftauchten - das hätte mehr als nur Aufschlüsse über ihn selbst erbracht. War, abgesehen von McLuhan, auch Enzensberger mit seinem Kursbuch-Aufsatz von 1970 für das Interesse an den Medien wichtig? Seit wann nervte Kittler das „Gerede über die Umweltverschmutzung“? Konnte man in Freiburg wegen der Nähe zu Basel schon besonders früh LSD beziehen?

          Musik, Drogen und Sonnenhunger

          Die Themen der späteren Bücher werfen in „Baggersee“ schon ihren Schatten: viel Freud, aber kein Marxismus; Musik und Drogen, aber kein Protestmarsch zum Amerikahaus. Kittler bastelte an Transistoren, nahm bewusstseinserweiternde Drogen und vergnügte sich „im Kreis der sonnen- und theoriehungrigen Freunde“ am titelgebenden Baggersee, wie die Herausgeberinnen anmerken. Die Studentenrevolte, die als Hintergrundgeräusch Erwähnung findet, muss für ihn vor allem mit hedonistischen Erfahrungen verknüpft gewesen sein. Der Wunsch, das Begehren zu befreien und die Pforten der Wahrnehmung zu öffnen, zieht sich durch diese jugendlichen Aphorismen. Nach landläufigem Sprachgebrauch haben wir es mit einem Hippie zu tun.

          Vielleicht unterscheidet Kittler das von den meisten anderen westdeutschen Theoretikern seiner Generation. Vielleicht war er deshalb für die Lektüre der französischen Linksnietzscheaner prädestiniert. Auch wenn sich der Quellcode seines Werks aus diesen Denkversuchen nicht entschlüsseln lässt, machen sie doch eines deutlich: Seinen Ausgangspunkt nahm es von einer bestimmten Negation.Ungefähr zur selben Zeit, als Kittler den Entschluss fasste, auf das „sich“ zu verzichten, erfand Eckhard Henscheid die Anekdote von den Häuptern der Kritischen Theorie, die darum wetteifern, wer das Reflexivpronomen am weitesten nach hinten stellen kann. Horkheimer und Marcuse unternehmen redliche Versuche. Doch dann gelingt Adorno der siegreiche Pitch: „Das unpersönliche Reflexivum erweist in der Tat noch zu Zeiten der Ohnmacht wie der Barbarei als Kulmination und integrales Kriterium Kritischer Theorie sich.“ Diese Wahrheit muss auch Kittler in den siebziger Jahren irgendwann aufgegangen sein.

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