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Friedenspreisträger Liao Yiwu : Wie ich im Gefängnis schreiben konnte

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Ein Kassiberblatt mit dem Beginn des „Überleben“-Projekts, das Liao Yiwu 1993 aus der Haft hinausgeschmuggelt hat Bild: Foto Tienchi Martin-Liao

Ein großer Teil des Werks des diesjährigen Friedenspreisträgers entstand in chinesischer Haft. Eine Erinnerung an den Beginn des Romanprojekts „Überleben“.

          Nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz im Juni 1989 wurden in Sichuan über zwanzig „Konterrevolutionäre des vierten Juni“ verhaftet und zur Umerziehung an diesen Ort gebracht. Ich selbst wurde aus dem Provinzgefängnis Nr.2 in Chongqing in einer mehrere hundert Kilometer weiten Fahrt über holprige Landstraßen in das Provinzgefängnis Nr.3 in Dazhu, einem Landkreis in den Daba-Bergen im Norden der Provinz Sichuan, überführt und war fortan Teil der Gruppe 11 in der Brigade Nr.2.

          Es gab insgesamt sechs dieser Brigaden, die jeweils aus etwa dreihundert Personen bestanden. Jede Brigade hatte einen eigenen Charakter. Sie waren durch Mauern voneinander getrennt, lagen aber alle nebeneinander auf demselben Gelände. Die Gruppe 11, der ich angehörte, befand sich im 1.Stock in einer Zelle, die einer nur schwach erhellten Berghöhle glich. An den Wänden waren rechts und links durchgehend doppelstöckige Eisenbetten aufgereiht. Wir waren sechzehn Häftlinge in einer Zelle. Die Gründe unserer Verurteilung zu Umerziehung durch Arbeit waren vielfältig, und die Länge der Haftzeiten variierte.

          Ein harter Alltag

          Ich hatte eine der oberen Pritschen, Nummer 11. Täglich um 3 Uhr morgens riss uns eine schrille elektrische Alarmglocke aus dem Schlaf, und alle Mann sprangen aus den Betten, falteten ihre Decken zusammen und sammelten sich im Hof zum Morgenappell. Nach einem hastigen Frühstück ging es frisch ans Werk, vorbei an den Wachen und hinaus aus dem inneren Bereich des Gefängnisses zu einer etwa einen Kilometer entfernten Fabrik für Autoteile, wo man den ganzen Tag in kräftezehrender Arbeit den Ofen bediente und Teile in Formen goss, schmolz und polierte. Auch ich musste mich dem Tross anschließen, jedoch bestand meine Arbeit darin, die Anzahl der Arbeiter in jeder der kleinen Einheiten zu registrieren und damit die Zahl der notwendigen Mittagsrationen zu bestimmen.

          Am späten Vormittag musste ich dann frühzeitig in die Küche, um entsprechend der zuvor registrierten Zahl mehrere hundert Blechnäpfe mit Reis zu füllen, die ich zum Dampfgaren in einem riesigen Tontopf übereinanderschichtete. Dann setzte ich einen großen Topf Wasser für die Suppe auf. In der Regel gab es dafür keine andere Zutat als Kartoffeln, die ich im Akkord schälte und schnippelte und ins blubbernde Wasser gab, Öl und Salz dazu und fertig. Um 11 Uhr schob ich mit den beiden anderen, die Küchendienst hatten, den Karren mit den Mittagsrationen und der Suppe zur Fabrik, und wir riefen laut zum Mittagessen.

          Literatur auf Gefängnispapier

          Durch den Küchendienst war mir täglich eine gewisse Auszeit vergönnt. Ich lernte, Flöte zu spielen, und hockte ansonsten für gewöhnlich mit Papier auf dem Schoß auf dem Bettrand und schrieb, Tag für Tag. Mein Bett war ringsherum vollgestopft mit irgendwelchen Zeitschriften, unter denen ich meine Manuskripte verbergen konnte. Um meinem Schreiben den Anschein von Harmlosigkeit zu geben, verfasste ich eigens nebenbei ein paar triviale Erzählungen, die ich den anderen bei Gelegenheit zu lesen gab.

          Ich benutzte dafür das minderwertige, fast schon zerfallende Gefängnispapier, etwas anderes gab es nicht. Die Furcht vor Entdeckung ließ mich so tief vornüber gebeugt schreiben, dass meine Nasenspitze beinah das Papier berührte. Ich schrieb in winzigen, ameisengleichen Schriftzeichen und kritzelte auf diese Weise jedes Blatt randvoll; das sparte Papier und erleichterte das Verstecken. Leider nahm dadurch meine Kurzsichtigkeit rapide zu.

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