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Friedenspreisträger Liao Yiwu : Wie ich im Gefängnis schreiben konnte

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Ein stilles Einverständnis

Natürlich kam es gelegentlich zu Razzien durch die Gefängnispolizei, aber ich kam eigentlich fast immer ungeschoren davon, denn alle paar Tage steckte ich meine Manuskripte heimlich dem alten Yang zu, der fürs Reinemachen zuständig war und auf dem Treppenabsatz wohnte. Er saß schon so lange als Konterrevolutionär ein, dass man ihn fast vergessen hatte. Vor 1949 war Yang Reporter bei der Kuomintang-Zeitung „Saodang“ gewesen und wurde, als dann die KP China „zur Herbsternte mit den Feinden abrechnete“, zu einer hohen Strafe verurteilt. Erst Ende der siebziger Jahre wurde er aus der Haft entlassen, aber seine Freiheit währte keine drei Jahre, schon drehte der politische Wind wieder, und er wurde im Zuge der „Kampagne gegen geistige Verschmutzung“ 1983 wieder verurteilt und ins Gefängnis geworfen. Soweit ich weiß, kam er erst kurz nach meiner eigenen Entlassung auf freien Fuß.

So hatte der alte Yang sein halbes Leben im Gefängnis zugebracht. Da wir beide als „reaktionäre Literaten“ galten, herrschte zwischen uns vom ersten Augenblick an ein stilles Einverständnis. Bei ihm waren meine Manuskripte bestens aufgehoben. Sobald sich einiges Material angesammelt hatte, benutzte ich meine Verwandten als Kuriere, die bei ihren Besuchen jedes Mal einen Teil herausschmuggelten. Auch Li Bifeng, Xu Wanping und andere meiner Leidensgenossen vom vierten Juni ließen einen Teil meiner Schriften über ihre Verwandten aus den Gefängnismauern herausbringen. Laut Xu Wanping bestachen sie in einigen Fällen sogar Häftlinge, die kurz vor der Entlassung standen, damit sie die Texte aus dem Gefängnis schmuggelten und an Ausländer weitergaben, die sie per Post ins Ausland schickten.

Das Leben als ewige Flucht aus dem Gefängnis

Ich verbrachte insgesamt vier Jahre Haft im Voruntersuchungs- und im Untersuchungsgefängnis, in Sichuans Provinzgefängnis Nr.2 und schließlich im Provinzgefängnis Nr.3. In den letzten Monaten dieser vier Jahre arbeitete ich an den Manuskripten einer mehrteiligen Romanserie mit dem Titel „Überleben“. Auch nach meiner Entlassung schrieb ich weiter, und dabei wurde aus dem Manuskript von „Für ein Lied und hundert Lieder“, das im Gefängnis zweimal beschlagnahmt worden war, der vierte Teil der Romanserie. Auf diese Weise setzte ich meine schriftstellerische Tätigkeit fort. Von einem sichtbaren war sie nun lediglich in ein unsichtbares Gefängnis verlagert worden. Dieser Zustand währte bis Juli 2011, als ich über Vietnam aus China geflohen bin.

Noch immer liegt bei der Erfindung einer Literatur, die frei ist von den Dogmen totalitären Denkens, ein weiter und steiniger Weg vor mir. Ich weiß noch, wie ich am Tag, als ich den Prolog zu „Überleben“ schrieb, das Orakel des Buchs der Wandlungen befragte und das Symbol für „Kun“, die große Mutter Erde, zur Antwort erhielt. Also schrieb ich: „Mit jedem Aufwogen der Zeit stürzt das ihr innewohnende Gefängnis ein, und die hohen Mauern stellen bald kein Hindernis mehr dar.“ Auch bevor ich aus China geflohen bin, befragte ich eigens das Orakel. Damals erhielt ich als Antwort das Symbol „Fu“ für den Vater Himmel. Dazu schrieb ich: „Geburt und Tod und Wiedergeburt - ein ewiger Kreislauf, den wir hinnehmen wie Hunde. Ist das Leben nicht eine permanente Flucht aus einem Gefängnis?“

Aus dem Chinesischen von Karin Betz.

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