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Friedenspreis an Swetlana Alexijewitsch : Ermutigung für eine couragierte Frau

Couragierte Stimme gegen Despotimus und Passivität: Swetlana Alexijewitsch Bild: picture-alliance / ZB

Mit dem Friedenspreis für die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch zeichnet der Börsenverein eine mutige Chronistin des Zerfalls der Sowjetunion aus.

          3 Min.

          Der Börsenverein des deutschen Buchhandels scheut den politischen Konflikt nicht: Der Friedenspreis wird in diesem Jahr an die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch gehen. Sie ist die große Chronistin des Zerfalls der Sowjetunion - und bei den Machthabern der Nachfolgestaaten entsprechend unbeliebt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das ist ein Jahr nach der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den chinesischen Dichterdissidenten Liao Yiwu wieder eine mutige Entscheidung der Jury: Liaos Nachfolgerin wird Swetlana Alexijewitsch sein, eine Autorin, die wie auch der Chinese aus der gesprächsbasierten Komposition von großen Gesellschaftsstudien zum Totalitarismus eine literarische Kunst gemacht hat. Alexijewitsch wie Liao geben denjenigen ihrer Landsleute eine Stimme, die aus Staatsraison nicht gehört werden sollen.

          Gespräche über den Krieg

          Damit wird die entschiedene Parteinahme für literarisch anspruchsvolle aufklärerische Einmischung, die 2011, im Jahr des arabischen Frühlings, mit der Auszeichnung des Algeriers Boualem Sansal begonnen hat, konsequent weiterverfolgt. Und wieder ehrt der Friedenspreis einen immens couragierten Einsatz, denn Swetlana Alexijewitsch ist 2012 in ihre weißrussische Heimat zurückgekehrt, nachdem sie zuvor jahrelang im westeuropäischen Exil gelebt hatte. Dass das diktatorische Regime von Präsident Lukaschenka, das ihre Bücher verboten hat, diese Heimkehr ebenso misstrauisch beobachtete wie das benachbarte Russland, wird niemanden überraschen, der etwas von Swetlana Alexijewitsch gelesen hat. Zum Glück sind ihre Bücher seit 1987, als „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ erschien, regelmäßig ins Deutsche übersetzt worden.

          Die russische Erstpublikation dieses ersten Buches aus ihrer Feder erfolgte 1985 und war ein frühes Signal für die unter Michail Gorbatschow eingeleitete Revision der sowjetischen Historiographie. Swetlana Alexijewitsch, damals 37 Jahre alt, hatte über Jahre hinweg Gespräche mit sowjetischen Soldatinnen des Zweiten Weltkriegs geführt, die sie nun als Protokolle mit nur minimalen eigenen Kommentaren veröffentlichte. Dadurch kam eine neue, eine weibliche Sicht auf den „Großen Vaterländischen Krieg“ zustande, die das Heroische zugunsten des Privaten in den Hintergrund schob.

          Die große literarische Leistung aber bestand im Arrangement der aufgezeichneten Erlebnisse, das eine Dramaturgie schuf, die beim Lesen trotz der vielen Einzelberichte einen großen erzählerischen Bogen schlägt.

          Die Wahrheit des Einzelschickals

          1986 reiste Alexijewitsch ins damals noch sowjetisch besetzte Afghanistan, um dort mit russischen Soldaten zu sprechen. Ergänzt um Gespräche mit Hinterbliebenen von in Afghanistan Gefallenen entstand daraus das Protokollbuch „Zinkjungen“ (russisch 1991, deutsch 1992). Damit wandet sie ihre Kompilationsmethode erstmals aufs Gegenwartsgeschehen an.
          Weltberühmt wurde sie schließlich durch ihr auf Deutsch 1997 erschienenes Buch „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“, für das sie Zeugnisse von Opfern und Augenzeugen der Reaktorkatastrophe von 1986 zusammenstellte. Ihr Prinzip einer oral history von unten bot erstmals Einblick in die bis dahin von den russischen, ukrainischen und weißrussischen Behörden immer noch weitgehend verdeckt gehaltenen unmittelbaren Folgen des Gaus. Der Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung belohnte ein Jahr später diesen Mut, der sie besonders in Weißrussland zur persona non grata hatte werden lassen.

          Die neue Friedenpreisträgerin ist also alles andere als eine Unbekannte, auch wenn es in den letzten Jahren stiller um sie geworden war. Das lag daran, dass Swetlana Alexijewitsch sich zuletzt auf die Materialsammlung für ein Werk konzentriert hat, das in wenigen Wochen bei Hanser Berlin auf Deutsch erscheinen wird (und gleichzeitig auch in Russland): „Second-Hand-Zeit“, eine mehr als 550 Seiten starke zweiteilige Suite von Gesprächen, die sie zwischen 1991 und 2011 geführt hat. Ihr Thema ist das Erlebnis des Zerfalls der Sowjetunion, also des Übergangs von den Zentralverwaltungswirtschaft zum freien Markt, aber auch des Wandels jener subversiven „Küchenunterhaltungen“, an die sich die Autorin aus Sowjetzeiten erinnert, zur individualisierten Passivität der gegenwärtigen russischen Gesellschaft.

          Die Trauer über den Verlust der einstigen Gewissheiten ist Leitmotiv aller Äußerungen, und so bietet das Buch nicht nur einen Rück-, sondern auch Ausblick auf eine europäische Konstellation, in der Russland nach wie vor eine entscheidende Rolle spielt.

          Der Friedenspreis trägt diesem intellektuellen Wagnis ebenso Rechnung wie dem individuellen, dem sich Swetlana Alexijewitsch mit ihrem schonungslosen Beharren auf der Wahrheit von Einzelschicksalen aussetzt, die gegen den historischen Comment in Russland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion verstoßen. Wenn ihr am 13. Oktober in der Frankfurter Paulskirche die Auszeichnung verliehen wird, werden wir eine kleine Dame von 65 Jahren am Rednerpult sehen, deren Stimme ein ganzes politisches System erschüttert hat – indem sie die Stimmen anderer vernehmbar hat werden lassen.

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