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Fred Vargas im Gespräch : Wie mordet man am spannendsten, Frau Vargas?

  • Aktualisiert am

Bild: Illustration Burkhard Neie/xix

Wenn Fred Vargas doch einmal ein Interview gibt, dann nähert man sich ihr nach kriminalistischer Manier: Zu einer bestimmten Uhrzeit soll man in ein Café bei Montparnasse kommen, dann geht es in ein Restaurant, schließlich doch lieber zu ihr nach Hause.

          Ihr Kommissar, der nun seit zwanzig Jahren in Paris ermittelt, heißt Jean-Baptiste Adamsberg. Sein Nachname lässt an einen schwedischen Ermittler denken. Ist das Zufall oder eine Verbeugung vor dem kommerziell so erfolgreichen Genre des Schwedenkrimis?

          Nein, von Schwedenkrimis war damals ja überhaupt noch nicht die Rede. Als Adamsberg auf den Plan trat, dachte ich eher an eine deutsche Herkunft. Jedenfalls sollte mein Kommissar auf keinen Fall einen typisch französischen Namen tragen, denn schließlich hatte er ja auch keinen alltäglichen Charakter. Ich brauchte also einen Namen, der irgendwie aus dem Nichts zu kommen schien.

          Wie auch der Kommissar selbst, der seine mysteriösen Fälle oft löst wie ein Medium. Er sieht und begreift Dinge, die sonst niemand wahrnimmt.

          Als normaler Mensch hat man ja nur Zugriff auf etwa ein Prozent all dessen, was man jemals gewusst, gelesen oder gesehen hat. Die Türen unseres Unterbewusstseins sind in der Regel ziemlich fest verschlossen. Bei Adamsberg, so stelle ich mir das immer vor, funktioniert das Unterbewusstsein wie die Türen eines Saloons im Western. Sie sind nie ganz offen und nie ganz geschlossen, sondern schlagen permanent hin und her. Adamsberg verfügt also über ein großes Reservoir an Assoziationen, die er nutzen kann. Ich lasse mich gerne mit ihm treiben.

          Kommissar Adamsberg ist eine Mischung aus einem Asphaltcowboy à la Philip Marlowe und einem Mystiker à la Dale Cooper. Aber er erinnert auch an den großen europäischen Melancholiker Jules Maigret.

          Was mich an Simenons Inspektor Maigret immer gestört hat: Er ist maulfaul. Wenn er zum Abendessen nach Hause kommt, kriegt man kein Wort aus ihm raus. Er ist eine sinistre Persönlichkeit, und es regnet ständig in den Maigret-Romanen, um das zu unterstreichen. Adamsberg ist ganz anders. Er geht den größten Schrecknissen mit Gelassenheit entgegen, fast ein bisschen autistisch. Wie Robert Mitchum in seinen besten Rollen ... Mitch.

          Sie schwärmen ja richtig ...

          Das kann man wohl sagen. Immerhin hat er mich mal in seinen Armen gehalten.

          Robert Mitchum?

          Ja, auf dem Film-Noir-Festival in Cognac. Dort bekam ich 1986 einen Preis für mein Romandebüt verliehen. Ehrengast war ein sichtlich gelangweilter Robert Mitchum, an dem die Journalisten sich die Zähne ausbissen. Irgendwann nach der kleinen Preisverleihung am Rande des Festivals bat man mich, meine Dankesrede zu halten, und natürlich fiel mir nichts Besseres ein, als zu sagen: „Also, wenn man nichts weiter als einen Krimi braucht, um Robert Mitchum zu treffen, dann werde ich noch mindestens zehn weitere schreiben.“ Und plötzlich sehe ich einen Schwarm Fotografen auf mich zukommen. Mitchum hatte sich erhoben, durchquerte den Saal vom anderen Ende her, die Fotografen hinter ihm - dann ging alles ganz schnell: eine lange Umarmung und Küsse auf beide Wangen. Am nächsten Tag hatten das alle Agenturen.

          Dann haben wir Ihren Erfolg also einem echten Genre-Rauhbein zu verdanken. Aber ich hatte eben noch eine andere Assoziation. Ihre Mutter war Chemikerin und Ihr Vater ein bekannter Surrealist. Ist das Resultat dieser Verbindung nicht zwangsläufig eine literarische Alchemistin? Immerhin schreiben Sie Romane, die die magische Welt des Mittelalters mit all ihren Tinkturen, Rezepturen und Bannsprüchen ins Paris unserer Tage holen.

          Nein, eigentlich nicht. Im Grunde gehen mir die Surrealisten fürchterlich auf die Nerven, denn anders als sie war ich schon immer an Lösungen, nicht an Verrätselungen interessiert. Das ist gewissermaßen meine Obsession. Auch in der Archäologie, meinem ersten und eigentlichen Beruf, geht es ja vor allem darum, Lösungen zu finden, vergrabene Einzelteile, Knochenfunde zu einem Ganzen zusammenzusetzen.

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