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Roman von Marion Messina : Ausgebeutet in jeder Hinsicht

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Wohin mit dem Hass? Eine Skulptur von Marianne, der französischen Nationalfigur, ist bei einer Demonstration der „Gelbwesten“ beschädigt worden. Bild: dpa

Zwischen Bildungsverlust und Wutgewinn: Marion Messina versucht sich mit „Fehlstart“ an einem Roman über die französische Misere.

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          Spätestens seit der moralistischen Literatur des siebzehnten Jahrhunderts sind französische Schriftsteller gern pessimistisch, und mit Kritik daran sollte man vorsichtig sein: Was haben sich deutsche Literaturkritiker und Schriftsteller diesbezüglich schon in die Nesseln gesetzt! Theodor Fontane oder Thomas Mann, die über Émile Zola herziehen, sind nur besonders prominente Beispiele literarischer Verschätzung. Der Umkehrschluss ist freilich ebenso falsch: Nur, weil ein französisches Buch ordentlich schwarzmalt, ist es noch nicht gut. Das gilt leider auch für „Fehlstart“, den Erstling von Marion Messina, der in Frankreich sehr positiv und prominent besprochen wurde: Unter den Rezensenten sind David Foenkinos und – gewichtiger – Benoît Duteurtre, der in der jungen Freelance-Journalistin gar eine Erbin Michel Houellebecqs ausmachen will, was insofern ernst zu nehmen ist, als Duteurtre mit Letzterem befreundet ist und darum, so kann man annehmen, den Titel nicht allzu leichtfertig vergibt.

          Der titelgebende „Fehlstart“ meint den des Erwachsenenlebens von Aurélie Lejeune, einer jungen Frau aus Grenoble. Die Achtzehnjährige entstammt einer Arbeiterfamilie und beginnt ein Jura-Studium in ihrer Heimatstadt; nebenbei arbeitet Aurélie als Putzkraft und lernt Alejandro kennen, einen kolumbianischen Studenten, in dessen Armen sie die erste große Liebe erlebt. Aus Freiheitsdrang verlässt Alejandro sie am Ende ihres ersten Studienjahres; deshalb, und weil das Studium sie enttäuscht, geht sie nach Paris. Dort arbeitet sie als stets einsatzbereite Empfangsdame für eine Zeitarbeitsagentur, schläft sechs Monate in der Jugendherberge und zieht dann zu Franck, dem wesentlich älteren Finanzchef einer der Firmen, für die sie schuftet. Zufällig trifft sie Alejandro wieder und zieht zu ihm; die Liebe will nicht recht wiederkehren. Der kurze Roman verlässt seine Heldin, als Aurélie in ihrer beruflichen und existentiellen Sackgasse endgültig feststeckt.

          Marion Messina, 1990 geboren, hat mehrere Studiengänge begonnen und wird ähnliche Erfahrungen wie Aurélie gemacht haben. Jedenfalls kann man, wenn man das französische Bildungssystem kennt, ihre beißende Kritik daran nachvollziehen: Das Versprechen gleicher Karrierebedingungen dank Abitur und Studium für (fast) alle wird durch eine radikale Senkung des Niveaus und eine weitgehende Verwahrlosung der Universität erreicht; von dieser Misere heben sich wenige grandes écoles ab, von denen die wenigsten wirklich Kenntnis haben und die daher de facto der Reproduktion von Eliten dienen. Mit den Worten der Autorin: „Zwar hatte theoretisch jeder Schüler Zugang zum Hochschulstudium, aber nur ein sehr beschränkter Teil konnte ein Studium aufnehmen, das diesen Namen verdiente. Für die übergroße Mehrheit der jungen Franzosen war die Universität eine Wahl mangels Alternativen, ein Universum, in dem sie geparkt wurden, um die Arbeitslosenzahlen nicht explodieren zu lassen.“

          Marion Messina: „Fehlstart“. Roman. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Hanser Verlag, München 2020. 166 S., geb., 18,– €.

          Dementsprechend ist die Ausbildung: „Ihr Stolz war angekratzt, weil ihr schmerzhaft bewusst wurde, dass sie ihr Abitur ohne große Mühe erlangt hatte, aber auf einem Bildungsniveau, von dem keiner ihrer Großeltern hätte träumen können, immer noch nichts über die Geschichte des Römischen Reiches wusste und keine Fabel von La Fontaine auswendig kannte, während ihre Großmutter, erst Hausfrau, dann Putzfrau und Kantinengehilfin, die Genealogie der Kapetinger aus dem Effeff beherrschte.“ Dieser Kritik räumt „Fehlstart“ beträchtlichen Raum ein; die ähnlich ätzende Beschreibung der Pariser Zustände kann man ebenfalls nachvollziehen. Messina beschreibt die Hauptstadt als einen Ort, der sinnvoll nur von Vermögenden bewohnt und genossen werden kann, während sich die Mehrheit der franciliens zwischen Arbeit, beengten Wohnverhältnissen und Transportproblemen verschleißt. Das Problem ist, dass die Romanfiguren in der Provinz keine Alternative sehen, sondern nur eine öde Schwundstufe von Paris.

          Messinas Heldin nimmt ein: Aurélie ist eine „saubere, gut erzogene junge Frau“, „spontan und natürlich“, mit Humor und sinnlichen Charme. Umso mehr leidet man an ihrem Scheitern und verurteilt den sexualisierten Blick Alejandros („Sie war üppig und weich, rund und straff, ihre Stimme stieg in beeindruckende Höhen, wenn er in sie eindrang und sein Becken bewegte“), den es kaum stört, dass „die Arbeitertochter“ überall durchscheint, mit billigem Nagellack und ebensolcher Kleidung. Franck wiederum liebt sie, „weil er jemanden lieben musste“, um der Einsamkeit eines arbeitswütigen Lebens zu entfliehen.

          Die Figuren überzeugen, der Roman nicht: Sein Problem liegt darin, dass die arme Aurélie nicht nur von Liebhabern und Arbeitgebern ausgebeutet wird, sondern auch von der Autorin: Messina bläht eine bescheidene Geschichte, die Erzählungsformat hat, mit Mühe und Not zu einem Mini-Bildungsroman unter negativen Vorzeichen auf. Das geschieht dank der essayistischen Passagen, die anders als bei Houellebecq oder – um einen näherliegenden Vergleich zu ziehen – Nicolas Mathieu als ermüdende Zutat rasch aufs Gemüt schlagen. Es ist bedauerlich, dass Messina ins Schwafeln gerät, denn auch ihr pointierter Stil zeigt, dass sie eigentlich Sinn für wohldosierte Bosheit hat. Es fehlte eine richtige Geschichte und ein Lektor, der sie darauf festgelegt hätte.

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