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Französische Kulturministerin : Fleur Pellerin liest keine Bücher

Buchlos glücklich: Frankreichs Kulturministerin Fleur Pellerin Bild: AFP

Nur wer schreiben kann, ist des Regierens würdig: Frankreichs ehrgeizige Kulturministerin Fleur Pellerin schreibt nicht - und liest auch keine Bücher. Für die französische Presse ist das Barbarei.

          „Eine Schande“, stöhnte Tahar Ben Jelloun, der vor ein paar Jahren den Prix Goncourt, die wichtigste französische Literaturauszeichnung, bekommen hat, im staatlichen Rundfunk: „Das kann nicht wahr sein, das darf nicht sein.“ „Konsternierend“ nannte sein ebenfalls preisgekrönter Kollege Jean-Michel Olivier den Vorfall. Im „Figaro“ reagierte der Schriftsteller Christian Combaz mit einem offenen Brief an die „Chère Fleur“, in dem er die französische Kulturministerin schlicht zum Rücktritt aufforderte. Was ist geschehen?

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Im Fernsehen hatte Fleur Pellerin von einem Mittagessen mit dem frisch gekürten Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano geschwärmt. Es war ihre Antwort auf die wenig verfängliche Frage nach den beeindruckendsten Begegnungen in ihrer Karriere. „Phantastisch“ sei es gewesen, „wunderbar“: „Wir haben viel gelacht.“ Die Nachfrage nach einem Titel von Patrick Modiano brachte die eloquente Ministerin dann allerdings in Verlegenheit: „Ähh...“, begann sie zu stottern. Denn sie konnte keinen einzigen Titel nennen. Seit zwei Jahren, bekannte die Politikerin, habe sie keine Bücher mehr gelesen. Früher, ja, da habe sie viel gelesen, fügte sie trotzig hinzu.

          Der Zuschauer bekam gleichwohl nicht den Eindruck, dass Bücher der selbstbewussten jungen Technokratin fehlen. Vor ihrem Wechsel ins höchste Kulturamt war sie im Kabinett für digitale Wirtschaft zuständig gewesen. Aus früheren Angaben zu ihrer Person wissen wir, dass sich Fleur Pellerin an freien Abenden gern amerikanische Fernsehserien anschaut, über ein Lieblingsbuch ist nichts bekanntgeworden. Eine der ersten Amtshandlungen von Fleur Pellerin war bekanntlich die freundliche Annahme der von ihrer Amtsvorgängerin Aurélie Filippetti, selbst Autorin einiger Romane, systematisch verschleppten Einladung der Frankfurter Buchmesse an Frankreich.

          Literarische Tradition der Politik

          Doch nach dem Urlaub der auch für Kommunikation zuständigen Ministerin in der korsischen Villa eines Produzenten, der für Netflix arbeitet, ist der Auftritt in der Fernsehsendung „Die Beilage“ ein weiterer Fehltritt. Von der „Blume der Barbarei“ ist in Anspielung auf ihren Vornahmen „Fleur“ in den Reaktionen die Rede. Auch von „Scham“, „Schande“ und „Banausen“. Zumindest bis zurück zu den einstigen Präsidenten de Gaulle und Mitterrand, die selbst literarische Ambitionen hegten und deren Kulturminister André Malraux und Jack Lang waren, galt die von Tocqueville der Aufklärung entnommene Devise: Nur wer schreiben kann, ist des Regierens würdig.

          Nach dem Nobelpreis für Modiano hätte das Kabinett die Kulturministerin zumindest ein bisschen auf den großen französischen Schriftsteller einstimmen und vorbereiten können, bemängelt Christian Combaz. „Worüber haben Sie denn gesprochen, wenn nicht über seine Bücher?“, höhnt er im konservativen „Figaro“: „Wir wissen doch, wie wortkarg und verschlossen Modiano ist.“ Aber noch heftiger kritisiert Combaz Pellerins Chefs François Hollande und Manuell Valls, die den Kulturstaat abwickelten und die literarische Tradition der Politik verrieten.

          Auch der von der staatlichen Nachrichtenagentur befragte Bernard Pivot, Frankreichs Marcel Reich-Ranicki, hält Fleur Pellerin schlicht für überfordert. „Aber verdammen sollte man sie deswegen nicht. Sie interessiert sich nun mal nicht für Literatur, man muss das akzeptieren. Wer nicht liest, ist nicht unbedingt ein schlechter Minister.“ Dass sie mit einer noch hartnäckigeren Tradition der französischen Politik gebrochen hat, unterstreicht das Nachrichtenmagazin „Le Point“: „All jenen, die sie der Barbarei bezichtigen, wäre es lieber gewesen, wenn sie geblufft und gelogen hätte.“ Die Ministerin aber sagte die Wahrheit, unverblümt. „Le Point“ sagt dazu: „Merci, Fleur“.

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