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Franz Mon zum 90. : Der Entfesselungskünstler

Buchstabenballung vor Autor: Franz Mon in seinem Frankfurter Haus, vor zwei Tagen Bild: Frank Röth

Im Spiel mit der Sprache fand er die Freiheit in der Kriegsgefangenschaft. Und auch seinen Lesern gewährt er jede Freiheit. Zum neunzigsten Geburtstag des großen konkreten Dichters Franz Mon.

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          Dass sich das Haus von Franz Mon dieser Tage nicht nur hinter wucherndem Grün, sondern auch hinter einer lärmenden Straßenbaustelle versteckt, möchte man sinnbildlich nehmen. Denn der Dichter, der heute seinen neunzigsten Geburtstag feiert, hat ein kanonisches Werk geschaffen – doch Frankfurt, die Stadt, in der er 1926 geboren, aufgewachsen und zeit seines Lebens geblieben ist, wird ihm kein Fest ausrichten, und es ist auch keine Ausstellung geplant. Dabei hat neben Ernst Jandl wohl niemand mehr zur konkreten und visuellen Poesie beigetragen als er. Der virtuose Sprachbeweger ist zudem bildender Künstler. Zu zeigen, wie sehr seine Arbeit eine Symbiose der Künste darstellt, von Typographie über Graphik zur Lyrik, wäre die noble Aufgabe einer Retrospektive dieses Werks.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Eine Ausstellung hat sich Franz Mon freilich in seiner kleinen Villa längst eingerichtet. Wer ihm die Holztreppe hinauf in sein Arbeitszimmer folgt, findet sich in einem faszinierenden Labor des Experimentellen wieder. Überall blickt man auf seine Arbeiten. Drucke hängen an den Wänden, Gedichtmanuskripte liegen, abgeheftet nach ihrer Entstehungszeit, in Leitzordnern. Die frühen Poeme aus den fünfziger Jahren, als Papier noch teuer war, sind auf rückseitig bedruckte Blätter getippt. Mehr als dreizehnhundert geklebte und collagierte Wortkunstbilder verwahrt Mon überdies im Graphikschrank, Kataloge über mehrere Regalmeter geben Auskunft, an welchen Orten von Venedig bis São Paulo seine Werke zu sehen waren.

          Lob der Schreibmaschine

          Wie selbstverständlich steht auf dem Schreibtisch zwischen Papierstapeln die weiße „Monica“, auf der Mon bis heute tippt. Er und die anderen Konkreten, neben Jandl noch Eugen Gomringer und Helmut Heißenbüttel, hatten die Schreibmaschine als „poetisches Instrument“ entdeckt. Sie ermöglichte es den experimentierenden Dichtern, die sich keine Druckerei leisten konnten, ihre Texte dennoch wie gedruckt in die Hand zu bekommen. Nur dank der Schreibmaschine war die konkrete Poesie überhaupt umsetzbar, sagt Mon: „Weil sie so präzis abbildet.“ Ein Glück, dass man Farbbänder für eine Siebziger-Jahre-Olympia heute noch kaufen kann.

          Als Franz Mon in den frühen fünfziger Jahren sein erstes Gedicht veröffentlichte, „Die Lüge ist der Pass des Grenzübertritts“, wollte er dies nicht unter seinem bürgerlichen Namen Löffelholz publizieren. Er entschied sich für Mon, nach einer Figur in seiner Erzählung „Der Friedhof östlich vom Nil“ (1948). Das Wort ist kurz und griffig, und ist es nicht nur das französische Palindrom für „mein Name“, auch „monos“ steckt darin – der griechische Begriff für: allein.

          Franz Mon: Papiergruß (klicken Sie das Bild an, um es in voller Größe zu sehen)

          Es gehe ihm darum, das „Ichige“ aus Texten herauszuhalten, also die eigene Biographie. Damit beschreibt Mon ein wesentliches Kriterium der konkreten Poesie. Sie verwendet die Sprache nicht als Mittel, sondern als Material. Dass literarische Texte nicht nur aus Wörtern und ihrer Bedeutung bestehen, sondern auch eine akustische Struktur haben, belegte er schon in „artikulationen“, seinem ersten wichtigen Buch über die Verbindung von Schrift, Bild und Stimme aus dem Jahr 1959.

          Moderne im Gefangenenlager

          Dieser Dreiklang bestimmt sein gesamtes Schaffen und fasziniert Mon bis heute: Nicht nur der Klang, auch die Schrift verändere ein Gedicht, sagt er im Gespräch: „Legen Sie nur einmal zwei Goethe-Gedichte aus verschiedenen Büchern nebeneinander. Ob es in der schlichten Futura oder der gewölbten Bodoni gedruckt ist, führt zu einem völlig anderen Text.“ Auch der gerade von Michael Lentz bei S.Fischer herausgegebene Band mit Texten und Essays Franz Mons aus der Zeit von 1956 bis in die Gegenwart ist in skripturale, visuelle und akustische Phasen dreigeteilt. Von einem „Jahrhundertwerk“, das weit über den programmatischen Horizont konkreter Poesie hinausreiche, sprach der Schriftsteller Michael Lentz schon anlässlich des 2013 von ihm herausgegebenen Mon-Lesebuchs „Zuflucht bei Fliegen“.

          „Sprache lebenslänglich“ dagegen konzentriert sich auf theoretische Erörterungen, in denen Mon im Kern gleichwohl immer um die Frage kreist, wie ein poetischer Text entsteht. Die Analysen zum Barock, zu Expressionismus und Surrealismus sowie Betrachtungen einzelner Künstler, etwa Kurt Schwitters, Stéphane Mallarmé oder Arno Holz, lassen den eigensinnigen Kosmos desjenigen erkennen, der unter den Sprachspielern der Analytiker ist. In seinem Essay „Meine 50er Jahre“ gibt er faszinierende Einblicke in seinen Alltag und vor allem in die Entdeckung der Kunst als seinen Lebensinhalt während der Nachkriegsjahre. Das war, nachdem er als Sechzehnjähriger von der Lessingschule weg als Flakhelfer eingezogen wurde, im britischen Gefangenenlager. Dort kam er bei der Lektüre einer Zeitschrift zum ersten Mal mit der Moderne in Berührung, die unter den Nationalsozialisten verfemt war. Was folgte, war ein Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie sowie Inspiration durch die Surrealisten, deren Werke und Theorien ihm der Frankfurter Maler Karl Otto Götz nahebrachte, ein lebenslanger Freund. Am Ende aber war es Kandinskys Schrift über „Das Geistige in der Kunst“, die ihm zur künstlerischen Initialzündung wurde und ihn das Isolieren von Wörtern lehrte.

          Nach den bedrückenden Jahren des Zwangs und der Nötigung fand Mon im Spiel mit Sprache die große Freiheit. Zusammen mit Walter Höllerer und Manfred de la Motte gab er 1960 die Lyrik-Anthologie „movens“ heraus, die eine ganze Generation junger Künstler und Autoren stimulieren sollte. Sein doppelspurig gedruckter Roman „herzzero“ forderte 1968 den Leser dazu auf, „mit bleistift, kugelschreiber und filzstift zu lesen“, den Text mithin nach Belieben zu verändern.

          „Das Gras wächst wies wächst“

          Dieser sprachliche Entfesselungskünstler hat Großartiges geschaffen. Und doch der Kunst allein nie vertraut, oder genauer, wie er es sagt: Er wollte die Kunst freihalten von Verwertung und dem Gedanken, damit eine Familie zu ernähren. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er deshalb als Verlagslektor und unterrichtete an Kunsthochschulen in Offenbach, Kassel und Karlsruhe. Ob seine Wortbilder, die er nun eines nach dem anderen aus dem Graphikschrank hervorholt, Literatur sind oder graphische Kunst, lässt sich schwer sagen. Es sind visuell kühn zusammengeballte Buchstaben, hinter denen sich erst auf den zweiten Blick Wörter zu erkennen geben, die auf den ersten Blick aber nur fremde, exotisch anmutende Gebilde sind. Die Entschlüsselung lässt eine wohldurchdachte Anordnung erkennen – und einen ungeheuren Wortwitz. Den freilich kennt man schon aus Mons legendären Hörfunkcollagen „Das Gras wächst wies wächst“ oder „Hören und sehen vergehen“.

          Wie sich die Werke im Laufe der Zeit wandeln, von gerissenen Papiercollagen und geklebten Werbebildchen über die wechselnden Typographien der Schreibmaschinen bis hin zu den mit Computer erstellten jüngsten Arbeiten – das ergibt zusammen auch eine Geschichte der Bundesrepublik und ihrer Befindlichkeiten. Dabei ist Franz Mon noch längst nicht fertig. Stets aufs Neue jongliert er mit Lettern, Silben, Wörtern und Sätzen. Aber heute feiert er erst einmal seinen neunzigsten Geburtstag.

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