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Frankfurter Poetik-Vorlesung : Dauergast in der Ewigkeit

Juli Zeh im Hörsaal 2 des Campus Westend. Bild: Fricke, Helmut

Die jüngste Frankfurter Poetik-Vorlesung gehört zur Gattung der akademischen Verweigerungen. Für Juli Zeh sind Poetologen Schwächlinge, als Dozentin firmiert sie trotzdem - um aus einem Roman vorzulesen.

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          Juli Zeh war nicht gekommen. Zumindest symbolisch betrachtet, und das gehörte durchaus zum Plan ihrer Antrittsvorlesung bei der traditionsreichen Frankfurter Poetik-Dozentur. Denn die Autorin, auch bekannt als bekannteste Absolventin des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig (DLL), machte aus der Vorlesung gestern Abend eine Lesung: Sie ließ die Zuhörer im fast vollbesetzten Hörsaalzentrum 2 nicht in Form eines Vortrags an ihrer Poetik teilhaben, sondern unter dem Deckmantel des Vortrags eines fiktionalen Textes. Dass eben dieser Text, ein E-Mail Roman in der Tradition großer Briefromane, bereits vier Tage vorher unter dem Titel „Treideln“ erschienen war, und Zeh nichts anderes tat, als die ersten vierzig Seiten daraus vorzulesen, machte den Besuch ihrer Vorlesung eigentlich hinfällig.

          Morten Freidel
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Das aber ist im Kontext der in den Text eingewobenen poetologischen Vorstellungen nur konsequent. Gleich zu Beginn von „Treideln“ schreibt Zeh an ihren Verleger Klaus Schöffling, die Idee mit der Frankfurter Poetikvorlesung könne er vergessen: „Kommt nicht in Frage. Man ist entweder Autor oder Poetikbesitzer. Ich bin doch nicht mein eigener Deutsch-Leistungskurs. Ohne mich.“ Poetik, führt Zeh später aus, sei etwas für „Aufschneider, Quacksalber, Schwächlinge, Oberlehrer, Zivilversager und andere Scharlatane.“

          Das ist keine Kraft- oder Mutprobe

          Der Vize-Präsident der Frankfurter Universität, Matthias Lutz-Bachmann, nannte diese Strategie in seinen Begrüßungsworten eine „Poetik der Antipoetik“, und erklärte, in Frankfurt sei man dialektische Konstellation ja weiß Gott gewohnt. Seine Anspielung auf den Frankfurter Übervater Adorno ließ sich aber ebenso gut auf die Institution der Poetikvorlesung übertragen: Schon vor Juli Zehs akademischer Totalverweigerung hatten sich zahlreiche Vorgänger kritisch mit dem Begriff der Poetik auseinandergesetzt, in den achtziger Jahren etwa Ernst Jandl in seinem Vortrag „Das Öffnen und Schließen des Mundes“, einem lautpoetischen Feuerwerk, das nicht gerade universitären Gepflogenheiten entsprach. Und noch vor zwei Jahren verpackte Thomas Meinecke seine Poetik in eine postmoderne Zitatencollage – er spielte Musik ab und las Rezensionen seiner Bücher vor, solange, bis fast niemand mehr im Hörsaal saß und er schließlich in einem Eigenzitat sein dichterisches Selbstverständnis aufblitzen ließ.

          Zehs Ansatz, ihre Ablehnung wissenschaftlicher Konventionen, fügte sich also in eine durchaus bestehende Tradition ein. Ihr Literaturverständnis aber scheint einer anderen zu gehorchen. Im Kern geht es zurück auf die Vorstellung der Romantiker: Ein Autor sitzt über einem Blatt Papier, ergreift Feder, Stift oder seine Tastatur, und sieht sich selbst ungläubig beim schöpferischen Akt zu. „Das meiste beim Schreiben“, schreibt Juli Zeh, „beruht ja nicht auf Entscheidungen. Ich nehme mir einen Roman nicht vor wie eine Bergtour. Das ist keine Kraft- oder Mutprobe. Es bringt nichts, sich die geplante Gesamtseitenzahl als zu überwindendes Hindernis oder zu tötendes Monster vorzustellen und autosuggestive Aufwärmübungen vor dem Garderobenspiegel zu machen, Daumen und Mundwinkel hoch, du schaffst das, du schaffst das. Es ist nicht zu schaffen. Es wird etwas erschaffen, aber nichts geschafft. Das, was man Roman nennt, stößt einem zu.“

          Dauergast in der Ewigkeit

          Während Zeh aus „Treideln“ vorlas, wurden im Hörsaal die Bilder der jeweiligen immanenten Adressaten an die Wand geworfen. Sie zeigten ihren Mann David Finck, selbst Autor, den Zeh stets mit „Chef“ anschreibt und von dem sie sich im Regelfall mit „Dein Vorzimmer“ verabschiedet, ihren Verleger Klaus Schöffling, der sich, weil anwesend, im Hörsaal selbst auf der Leinwand begutachten konnte, sowie einen halbfiktiven Schriftsteller- („Alter Schwede“) und eine halbfiktive Germanistik-Kollegin („Wanda“). Lediglich einmal wurde Zeh in ihrem Lesefluss unterbrochen, als ein Techniker ihr das Mikrophon richtete, weil es, wie Zeh der amüsierten Leserschaft zuflüsterte, „poppe“. Sie nutzte dann die Pause zum Aufsagen von „Fischers Fritze“.

          Ihr Text, so häufig die Zuhörer lachten, ist dennoch und gerade in der Ablehnung jeder Form von „Poetik“ eine tiefernste Beschäftigung mit den Bedingungen des Schreibens. In „Treideln“ hat Zeh ihre ganze Erfahrung als überaus produktive Autorin eingebracht: Wie fragil der Zustand kreativer Anspannung ist („gleichzeitig festhalten und loslassen“), wie rauschhaft es ist, wenn sich ein Autor in seinen Textlandschaften verliert. Und doch handelt es sich um mehr als eine poetologische Auseinandersetzung in Briefform. Während Zeh im Text abwechselnd mit ihrem Mann, ihrem Verleger und ihren Freunden diskutiert, ob sie die Einladung zur Poetik-Dozentur annehmen soll oder nicht, entwirft sie gleichzeitig eine neue Romanfigur, den namensgebenden Karl Treidel, und die dazugehörige Geschichte. Treidel, so erklärt sie ihrem Schriftstellerkollegen in einer Mail, solle Anfang vierzig sein, „natürlich in Berlin lebend. Dauergast im zur Ewigkeit gedehnten Durchgangsstadium zwischen Universität und Beruf. Ein Profi des Nicht-Hineinwachsen-Wollens in die Welt der Jobmacher, Familiengründer und Häuslebauer.“

          Zwischen ihren Reflektionen beginnt Zeh allmählich damit, die Geschichte ihres Protagonisten zu erzählen. Sollte sie auch in den kommenden Vorlesungen nichts anderes tun, als aus „Treideln“ vorzulesen: der Roman ist vielschichtig und interessant genug, um trotzdem hinzugehen. Als Leser weiß man das schon.

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