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Frankfurter Anthologie : William Shakespeare. „Sonett XX“

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Bild: Thomas Huber, dpa

Woran wollen wir den gewissen Unterschied zwischen Männlichem und Weiblichem immer so genau festmachen? Dieses Sonett von Shakespeare bringt mit rätselhaften Versen Klischees ins Wanken.

          Wir sind gewohnt, die Welt in männlich oder weiblich einzuteilen: Nichts erscheint einfacher und offensichtlicher und schon in grundlegenden Ordnungsmustern unserer Sprache vorgegeben. Doch wer sich hier auf die Natur beruft, um Männliches und Weibliches zu unterscheiden, läuft akut Gefahr, die kulturellen Zuschreibungen zu verkennen, die eine solche Differenz bedingen oder überhaupt hervorbringen. Denn woran wollen wir den gewissen Unterschied immer so genau festmachen? Womöglich ist es in unserer Geschlechterordnung just das Offensichtliche, das Körperliche, das am besten täuscht – und vielleicht rührt daraus ganz besondere Lust? Diesen Fragen folgt Shakespeares Sonett, das zwanzigste von 154 Sonetten, 1609 im Druck erschienen, das zu seinen reizvollsten Rätseltexten zählt. Es beginnt mit einer Reihe von Klischees über Mannsbilder und Weibsbilder und deren Körper- wie Charaktereigenschaften, nur um uns zum Ende in die schönste Ungewissheit zu entlassen, was davon zu halten sei.

          Brav reiht es sich zunächst durch seine vierzehnzeilige Gestaltung in die reiche europäische Sonett-Tradition ein, mit der sich Dichter seit dem vierzehnten Jahrhundert gegenüber einer idealisierten Geliebten – meist abwesend, oft unerreichbar, manchmal unwillig und kapriziös – in Stellung gebracht haben. Doch diesem herkömmlichen Rollenliebesspiel gibt Shakespeare eine wahrhaft kühne Wendung, indem er den Part des Begehrten umbesetzt: seine Sonette richten sich mehrheitlich an einen Mann – jung und schön und so betörend, dass sein wundersamer Zauber, wie dieses Gedicht ihn bezeugt, auf Männer wie auf Frauen gleichermaßen wirkt. Und wie um der alten petrarkistischen Tradition noch einen kleinen Gruß zu gewähren, wird der Adressat hier als „master-mistress of my passion“ angerufen, als solle diese Doppelformel zusammenbinden, was Sprache, Mode und Kultur im Geschlechterunterschied ansonsten streng geteilt halten.

          Die Rollen unserer Leidenschaften

          So werden auch die misogynen Muster, mit denen der Text reichlich aufwartet, gebrochen. Die Natur erscheint bemerkenswerterweise nicht als Mutter, sondern in traditioneller Männerrolle als bildender Künstler, der sich wie Pygmalion in sein Werk verliebt. Auch dass Frauen launisch auftreten und ihre Haltung oder Miene jedem Anlass anpassen, sollte bei einem Theatermann wie Shakespeare immerhin professionelle Anerkennung einschließen. Sein Sonett jedenfalls behauptet, dass der Geliebte, an den es sich richtet, von der Natur als Frau geplant und mit allen Vorzügen des weiblichen Geschlechts ausgestattet worden ist – und erst in letzter Sekunde durch eine Zutat doch noch zum Mann gemacht wurde, um das perfekte Geschöpf dem Liebeszugriff anderer Männer zu entziehen: „by adding one thing to my purpose nothing“, sagt der zwölfte Vers des Originals. Dieses „Ding“, der sichtbarste Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Anatomie, erlaubt in den beiden Schlussversen die salomonische Lösung, dass er damit Frauen zwar körperlich beglücken mag, während seine eigentliche, sprich unkörperliche Liebe dem Sprecher allein vorbehalten bleibt.

          Auf diese Weise ließe sich mit diesem Text sein Autor vom Verdacht verbotener Männerliebe freisprechen. Denn seit der romantischen Wiederentdeckung der Sonette vor zweihundert Jahren sind sie gern als Schlüssel zu des Barden Herz gelesen worden. Daher wurde oftmals mit Erleichterung vermerkt, dass Shakespeare bei allem offenkundigen Begehren für den Jüngling zumindest sexuelle Handlungen hier ausschließe. Doch solche autobiographischen Lektüren missachten nicht bloß den Fiktions- und Spielcharakter von Sonettdichtung und ihren Maskeraden. Sie täuschen sich auch darüber hinweg, wie Begehren überhaupt zur Sprache kommt und was für sinnliche Verlockung aus den Doppelsinnigkeiten der gewählten Formulierung folgt. Denn der entscheidende zwölfte Vers lässt sich auch ganz anders lesen: „nothing“ ist ein zeitgenössisches Codewort für das weibliche Geschlechtsorgan, wie es beispielsweise im Titel von Shakespeares Komödie „Much Ado About Nothing“ erscheint. Das hinzugefügte „Ding“ bietet für den Sprecher, wie es wörtlich heißt, den Zweck des Nichts, mithin der weiblichen Anatomie, also sexuelle Erfüllung – „ein Ding dazu, ein Nichts zu meinem Nutz“, wie Klaus Reichert in seiner Prosafassung übersetzt.

          Der Vers sagt damit zweierlei und völlig Gegensätzliches zugleich. Denn selbstverständlich bleibt die zweite Lesart durch die erste anfechtbar. Wie immer man Sonett XX dreht und wendet, es durchkreuzt mit seinen Doppelheiten – ganz wie das Doppelkreuz der Ziffer, die es trägt – jegliches Interesse an eindeutiger Fixierung, ob im Körper- oder Sprachbau oder der Geschlechterordnung: ein Vexierbild, das uns je nach Anblick anderes zeigt, flirrend, flimmernd und so wunderbar verwirrend wie das Auge des Geliebten. Bühnenkünstler wie Bob Wilson oder Filmemacher wie Tom Tykwer sind der hier gelegten Spur gefolgt, um für unsere Zeiten zu erkunden, was geschieht, wenn Anatomie kein Schicksal ist und wir die Rollen unserer Leidenschaften neu erfinden müssen. Wenn Erotik meint, was Ahnung, Hoffnung und Verlangen prinzipiell im Ungewissen lassen, dann ist dieser Text zutiefst erotisch – und zugleich ein starkes Zeugnis dafür, warum sein Autor uns auch vier Jahrhunderte nach seinem Tod weiterhin so lustvoll umtreibt.

          William Shakespeare: „Sonett XX“

          Ein weibliches Gesicht gab die Natur

          Dir, Herr und Herrin meiner Leidenschaft;

          Ein weiches Frauenherz, doch ohne Spur

          Von Launen, Weiberlist und Hexenkraft.

          Dein Auge, strahlender und minder flirrend,

          Vergoldet alles, was sein Blick umfängt;

          Für Männeraug und Frauenherz verwirrend,

          Du, Mannsbild, das die Blicke auf sich lenkt.

          Als Weib wollt die Natur nach ihrem Plan

          Dich schaffen, aber sie verliebte sich

          In dich dabei und hängte dir was an:

          Ein Ding, das keinen Wert besitzt für mich.

          Gab sie das Ding dir, Frauen zu entzücken,

          Schenk mir die Liebe; sie magst du beglücken.

           

          Aus dem Englischen von Christa Schuenke.

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