Frankfurter Anthologie :
Sebastian Brant: „Von unnützen Büchern“

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Den Esel macht das beste Buch nicht klug: Ein Gedicht über den begrenzten Nutzen der Literatur bei falschem Gebrauch.

Auch in diesem jetzt zu Ende gehenden Jahr wurde wieder mehr geschrieben, als gelesen und verstanden werden konnte. Spätestens seit der Verbreitung des Buchdrucks sieht sich der lesende Teil der Menschheit einem Problem gegenüber, für das sich bis heute keine Lösung hat finden lassen: die Über­produktion allen Schrifttums. Texte provozieren neue Texte, Bücher zeugen Bücher. Aber auch wenn immer mehr geschrieben und gelesen wird, nehmen Wissen und Weisheit nicht schon allein deshalb zwangsläufig zu. Doch daran sind keineswegs nur die Bücher und ihre Autoren schuld, auch die Rezeption lässt mitunter zu wünschen übrig. Um einen Aphorismus des Lektors, Kritikers und ­homme de lettres Walter Boehlich abzuwandeln: Der Leser ist das Unglück des Textes. Mit anderen Worten: Was nützt die beste Bibliothek, wenn ein Holzkopf darin hockt?

Die Frage ist nicht neu. Bereits Ende des achtzehnten Jahrhunderts äußerte Georg Christoph Lichtenberg den Verdacht, dass Lektüre dem Denken auch abträglich sein könne. Ohnehin gebe es auf der Welt keine seltsamere Ware als Bücher: „Von Leuten gedruckt, die sie nicht verstehen; von Leuten verkauft, die sie nicht verstehen; gebunden, rezensiert und gelesen von Leuten, die sie nicht verstehen; und nun gar geschrieben von Leuten, die sie nicht verstehen.“

Lichtenberg, einer der hellsten Köpfe des Jahrhunderts der Aufklärung, beschrieb eine abfallende Linie, nahm also zumindest für die Länge seines sarkastischen Bonmots die klassische Haltung des Kulturpessimisten ein: Es wird alles immer schlimmer. Originell war diese Feststellung natürlich nicht; Kulturpessimismus ist nie originell, originell sind bestenfalls die Formulierungen, in die er sich kleidet.

Ein Nichtsnutz mit Bibliothek

Etwa dreihundert Jahre bevor Lichtenberg seine „Sudelbücher“ unter ­anderem mit Beobachtungen zum Schreib- und Leseverhalten seiner Zeitgenossen füllte, war der größte Best­seller der frühen Neuzeit erschienen. Sebastian Brants „Das Narrenschiff“ wurde 1494 erstmals gedruckt und trat umgehend einen Triumphzug an. Zahllose Raubdrucke erfolgten, und binnen Kurzem war das Werk in verschiedenen Übersetzungen in weiten Teilen Europas zu lesen. Die moralisierende Satire gilt als das am weitesten verbreitete Werk des Frühhumanismus und ihr ­Autor als mit Abstand populärster seiner Epoche. Brant machte den Narren für lange Zeit zur beliebtesten aller allegorischen Figuren, wie noch Grimmelshausens 1668 erschienener „Simplicissimus Teutsch“ erkennen lässt. Aber auch die Vielzahl der von Brant geprägten Sprichwörter und die zahlreichen Illustrationen, die zum Teil dem jungen Albrecht Dürer zugeschrieben wurden, trugen maßgeblich zum Erfolg des Buches bei.

Beschrieben wird darin die Schiffsreise von etwas mehr als hundert Narren, die sich auf den Weg in das fiktive Land Narragonien begeben haben. Auf eine Vorrede folgt das hier in einer Prosafassung wiedergegebene erste von 112 weitgehend eigenständigen Kapiteln. Brant, 1457 als Sohn eines Gastwirts und Ratsherrn in Straßburg geboren, wo er nach seinen Jahren als Professor in Basel als Syndikus und Kanzler der Reichsstadt lebte, entwarf eine frühneuhochdeutsche Typologie mensch­licher Laster und Unvernunft, führte sie in den unterschiedlichsten Lebenszusammenhängen exemplarisch vor und rührte damit einen „Narrenbrei“ an, der seinen Zeitgenossen im Halse hätte steckenbleiben sollen, aber freudig von ihnen hinuntergeschluckt wurde. „Das Narrenschiff“ galt als repräsentatives Werk seiner Epoche, die aus heutiger Sicht geprägt war vom Fortschritt der Wissenschaften, der Wiederentdeckung antiker Schriften und der europäischen Expansion nach Übersee. Die Zeitgenossen sahen es ­offenbar anders.

Brants Werk war eine satirische Anklage und eine Kampfschrift des humanistischen Bildungseifers, die Ignoranz und Lasterhaftigkeit, Unvernunft und selbstgefällige Bildungsferne, Torheit und Wissenschaftsfeindlichkeit beklagte. Philipp Melanchthon, eine Generation jünger als Brant, sollte die Zustände an den europäischen Universitäten als „barbarisch“ bezeichnen, und Brant lässt im ersten Kapitel seines „Narrenschiffs“ ein typisches Produkt solcher Zustände zu Wort kommen: einen studierten Dummkopf, einen Doktor, der Latein spricht, wenn auch nicht viel, und eine stattliche Bibliothek sein Eigen nennt, deren Bestände er entweder nicht gelesen oder nicht verstanden hat. Dass ihn sowohl das eine wie das andere mit Stolz erfüllt, sodass er sich seiner Ignoranz lauthals rühmt, trägt ihm die herausgehobene Stellung auf dem Narrenschiff ein.

Dort darf er „voran“ sitzen, er ist der „Vortänzer“ der Narren auf ihrer Reise nach Narragonien. Brant gibt dem ­ursprünglich in frühneuhochdeutschen Reimen verfassten Monolog zwar die Überschrift „Von unnützen Büchern“, aber nicht die Bücher sind unnütz und wertlos, sondern ihr Besitzer ist es: ein Nichtsnutz mit Bi­bliothek. Brant ­stattet seinen Vortänzer auf dem Schiff der Narren mit einer ganzen Reihe schlechter Eigenschaften aus: Er ist faul und selbstgefällig, ein Schwätzer und Blender, ein Plagiator, der einen anderen dafür entlohnt, „daß er an meiner Stelle lernt“, ein aufgeblasener Dummkopf also und ein rechter Esel, wie er in der letzten Zeile zu erkennen gibt.

Als Brants Werk erschien, hatte ­Luther seinen Kampf gegen die katholische Kirche noch nicht begonnen. Das Zeitalter der Glaubenskämpfe stand Europa erst noch bevor, es war auch das Zeitalter der Flugblätter und Hetzschriften, die erste große Blütezeit massenmedial verbreiteter Schmähungen, Lügen und Desinformationen. „Das Narrenschiff“ ist bis heute nicht in Narragonien eingetroffen. Es ist noch immer unterwegs.

Sebastian Brant: „Von unnützen Büchern“

Man hat mir den Platz des Vortänzers gegeben,
weil ich ohne jeden Nutzen viel Bücher besitze,
die ich nicht lese und nicht verstehe.
Daß ich vornan in diesem Schiff sitze,
hat wahrlich eine besondere Bewandtnis,
es ist nicht ohne Grund geschehen.
Ich verlasse mich auf meine Bücherei.
Ich habe eine große Sammlung von Büchern,
verstehe aber kaum ein Wort, das darin steht,
und halte sie dennoch in Ehren, indem ich von ihnen  die Fliegen abzuwehren bemüht bin.
Wo man von den Wissenschaften redet,
sage ich: „Das habe ich sehr schön zu Hause.“
Ich lasse es genug sein damit,
daß ich viele Bücher vor mir sehe.
Der König Ptolemäus richtete es ein,
daß er alle Bücher der Welt besaß,
und hielt das für einen großen Schatz;
doch hatte er das wahre Gesetz nicht,
noch konnte er sich daraus unterrichten.
Ich habe auch viele Bücher
und lese doch ganz wenig darin.
Warum sollte ich mir den Kopf zerbrechen
und mich viel mit der Wissenschaft  plagen?
Wer viel studiert, wird ein Phantast.
Ich kann doch auch ohne das ein Herr sein
und einen dafür entlohnen, daß er an meiner Stelle lernt.
Wenn ich schon einen ungebildeten Verstand habe,
kann ich doch, wenn ich unter Gelehrten bin,
allemal „ita“ sprechen.
Ich bin recht froh, Deutscher zu sein,  
denn ich kann sehr wenig Latein.
Ich weiß, daß vinum Wein heißt,
cuculus der Kuckuck, stultus der Narr,
und daß ich Herr Doktor heiße.
Meine Ohren kann man nicht sehen,
sonst würde man sogleich das Tier des Müllers erkennen.