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Frankfurter Anthologie : Paul Maar: „Viele Fragen“

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Kinderlyrik wird unterschätzt, gedeiht in ihrer Nische aber prächtig. Dieses Gedicht des „Sams“-Autors führt seine Leser sogar bis an die spekulativen Abgründe der Existenzphilosophie.

          Wenn es für die Lyrik in der literarischen Öffentlichkeit in der Regel nur wenig Aufmerksamkeit gibt, so gilt dies für Kindergedichte allemal. Abträglich kommt in ihrem Fall noch hinzu, dass sie einfach, eingängig, oft komisch sind – und damit gerade nicht den Forderungen entsprechen, die ein Gedicht für anspruchsvolle Leser, also auch für Philologen und Literaturkritiker, überhaupt erst interessant werden lassen. Problematisch ist schließlich ihr Gebrauchswert: Wer wollte einen Heilspruch wie „Heile, heile Segen“, Wiegenlieder oder Abzählverse schon als Werke von poetischer Qualität betrachten? Nein, es wundert eigentlich nicht, dass die Kinderlyrik als eigenständiges literarisches Genre bislang nur selten Beachtung findet.

          Der Produktivität dieser poetischen Spielart scheint dies allerdings nicht abträglich zu sein, vielleicht sogar im Gegenteil: In der Nische, jenseits der Scheinwerfer des Literaturbetriebs, blüht das Kindergedicht jedenfalls schon seit längerem in den reichsten, buntesten Farben. Der 2007 erschienene Band „JAguar und NEINguar“ mit über zweihundert Gedichten des „Sams“-Autors Paul Maar, die über Jahre hinweg entstanden sein müssen, bietet hierfür den schönsten Beleg, weil sich in ihm das Genre der Kinderlyrik in seiner ganzen Vielstimmigkeit abbildet: Das Spektrum reicht von komischen Sprachspielen über erzählerische Gedichte bis zu ganzen Zyklen wie den „Gedichten aus dem Drachenleben“; von Schüttelreimen über Bildgedichte und Rätsel bis zu Versen „aus dem alltäglichen Leben“ und solchen von geradezu philosophischem Gewicht.

          Zur letztgenannten Gruppe gehören auch die hier abgedruckten Verse, in denen mit einfachen Worten die große, schwierige Frage nach dem Warum und Woher des Daseins gestellt wird. Um einfache Antworten geht es in dem Gedicht allerdings nicht – und schon gar nicht um irgendeinen Trost, der sich bei näherer Betrachtung vielleicht als nichtig herausstellen würde. Die irritierende Vermutung des Ich, es sei möglicherweise nur ein biologisches Zufallsprodukt, bleibt bis zum Ende bestehen, mehr noch, die titelgebenden vielen Fragen, mit denen das Gedicht endet, führen in die spekulativen Abgründe der Existenzphilosophie: Was ist das Sein jenseits seiner unzweifelhaften Körperlichkeit – und wo ist dessen Ort?

          Fritz-Peter, Dora, Dietlind und der Taumel der Existenz

          Die sich in einem kurzen Moment der Skepsis („und doch frage ich“) einstellende Verunsicherung schlägt sich auch in der Gedichtform nieder. So wird zu Beginn all das, was unzweifelhaft ist, erst einmal inventarisiert, und zwar in einem von Gewissheit getragenen Nominalstil: „Damit gab es mich / mit Augen, mit Mund und mit Ohren.“ Mit dieser Unzweideutigkeit, die an Nina Simones epochalen Song „Ain’t Got No, I Got Life“ denken lässt („Yeah, what have I got / Nobody can take away? ...Got my hair, got my head / Got my brains, got my ears“), ist es gleich darauf aber vorbei. Formal drückt sich dies so aus, dass die freien Verse nicht mehr durch die anfänglichen Kreuzreime zusammengehalten werden. Der Verlust der existentialen Obhut manifestiert sich in der Aufhebung des eingangs etablierten Reimschemas. Entsprechend sind die sich gerade nicht mehr überkreuzenden Reime, die in der zweiten Gedichthälfte anzutreffen sind, nur ein melancholischer Nachklang des Verlorenen. Dem Ich ebenso wie dem Gedicht – ihnen beiden ist die Stabilität abhandengekommen.

          Es hierbei nun schlicht zu belassen wäre für ein Kindergedicht wohl tatsächlich ein wenig zu viel, weshalb Paul Maar seinen Lesern zugleich eine Möglichkeit der Entlastung nahelegt: Die teils alliterierende Aneinanderreihung der betont altmodischen Namen „Fritz-Peter“, „Dora“ und „Dietlind“, die als Alternativkinder der eigenen Mutter imaginiert werden (was für eine Vorstellung!), verfehlen ihre belustigende Wirkung auf Kinder von heute vermutlich nicht. „Viele Fragen“ lehrt also, die Grundlosigkeit des Daseins zu ertragen, indem man sie ins Komische wendet.

          Dem Lyriker Paul Maar, so geht es aus diesem, aber auch weiteren seiner Gedichte hervor („Zukunft“, „In hundert Jahren“), stehen aufklärungsfähige, zur Mündigkeit berufene Kinderleser vor Augen. Der Kontrast vor allem zur romantischen Tradition und namentlich zu den Brüdern Grimm, die das Kind mit seinen „bläulich-weißen, mackellosen, glänzenden Augen“ als ursprünglichen und unschuldigen Menschen imaginieren und es damit als Gegenentwurf zu einer als fragmentiert erfahrenen Moderne in Dienst nehmen, könnte markanter nicht sein. Gerade die philosophischen von Maars Kindergedichten beharren darauf, Fragen offenzuhalten, Uneindeutiges hinzunehmen, Schwierigkeiten auszuhalten, indem sie genau dies selbst praktizieren.

          Ließe sich aus der Sicht desjenigen, der die Moderne in ihrer ganzen Unvollkommenheit dennoch bejaht, eine aufrichtigere, schönere Poetik des Kindergedichts denken?

          Paul Maar: „Viele Fragen“

          Mutter hat mich geboren.
          Damit gab es mich,
          mit Augen, mit Mund und mit Ohren.
          Und doch frage ich:
          Hätte sie mich nicht geboren,
          sondern ein anderes Kind,
          zum Beispiel einen Fritz-Peter,
          eine Dora oder Dietlind,
          wo wär ich dann wohl?
          Vielleicht gar nicht hier?
          Wo wär ich geblieben?
          Was wär dann mit mir?

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