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Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Anthologie : „Wie sind wir beide vornehm“ von Gustaf Gründgens

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Ein kleines Duett mit großem Zeitgeist: Dieses Zwiegespräch zwischen Gräfin und Herzog amüsierte im Jahr 1932 die Deutschen. Deutliche Untertöne überhörten sie.

          Nichts Theatralisches war ihm fremd. Gründgens war ein glänzender Regisseur und ein begnadeter Intendant, ein vorzüglicher Kabarettist und, vor allem, einer der besten deutschen Schauspieler dieses Jahrhunderts. Er konnte alles, was zum Theater gehörte – und bisweilen noch ein bisschen mehr. Er war der Hamlet und der Mephisto seiner Generation. Aber er war sich nicht zu schade, auch in belanglosen Possen und Schwänken zu spielen. Er inszenierte klassische Tragödien und allerlei Boulevardstücke, Opern und Operetten, Mozart und Offenbach. Und Gründgens war auch noch ein geborener Kabarettist, ein Großmeister der Kleinkunst.

          Obwohl er keine große Stimme hatte, konnte er reizvoll singen. Die Songs und Chansons, die Couplets, die er für manche seiner Rollen brauchte, schrieb er meist selber. Gerade diese Einlagen, in denen er auf eher leise Weise brillierte und gelegentlich triumphierte, ließen erkennen, woher der Künstler Gründgens kam: Er war ein Produkt der Weimarer Republik, ihn hat die von den Nazis gehasste „Asphaltkultur“ geprägt.

          Eine für diese Zeit typische Bagatelle

          Als er Görings Schützling und Intendant der Staatlichen Schauspiele in Berlin wurde, blieb er, soweit es nur möglich war, seinen Ursprüngen treu. Was man sich heute kaum vorstellen kann: Er erwies und bewährte sich im „Dritten Reich“ als Antityp der neuen Zeit. Nicht Blut und Boden verkörperte er, wohl aber das Morbide und das Zwielichtige, auch das Anrüchige. Nicht die Helden spielte er, sondern die Gebrochenen, die Schillernden, oft die Degenerierten.

          Das Duett „Wie sind wir beide vornehm“ ist einer von vier Texten (Text im Kasten unten), die Gründgens zu der Operette „Liselott“ von Eduard Künneke beisteuerte, in der er 1932 als Herzog von Orleans seinen ersten großen Berliner Erfolg feiern konnte. Natürlich, dieses Duett ist eine Bagatelle. Aber sie ist typisch für den Zeitgeist in den letzten Jahren der Weimarer Republik, in jener Phase also, in der die Songs aus der „Dreigroschenoper“ in aller Munde waren.

          Fremdworte bestimmen den Ton und die Qualität

          „Liselott“ spielt in Frankreich zur Zeit König Ludwigs XIV. Die Tage der Aristokratie sind gezählt, eine Epoche geht zu Ende. Man verschließt die Augen vor der Wirklichkeit, man amüsiert sich, so gut es geht, man verhöhnt das Milieu, in dem man lebt. Also macht man sich lustig über sich selber: Die Ironie ist hier stets zugleich Selbstironie. Die Vokabel „Alarm“ deutet an, dass diese „Edelmenschen“ immerhin ahnen, was ihnen bevorsteht.

          Das Ganze ist, wie es sich für ein solches Chanson schickt, keck und kess, pfiffig und witzig. Mehr noch: Es ist nicht ohne Raffinesse. Die Gesellschaft, die von ihrem nahenden Untergang nichts wissen will, wird mithilfe vieler Fremdworte charakterisiert. Das mag nicht sonderlich originell sein. Aber Gründgens findet den Ton dieses kabarettistischen Texts, indem er diese Fremdworte für die Endreime verwendet (Chance – Contenance, preziös – kapriziös, charmanten – eleganten, separat – delikat) und auch für Binnenreime: Usancen – Nuancen, Charme – Alarm. Dieser Ton ist es, dem das kleine Duett seine Qualität verdankt. Haben wir es mit Poesie zu tun? Das wäre gewiss zu hoch gegriffen. Aber der Literatur oder zumindest ihrem Randbezirk darf man die Petitesse doch zurechnen.

          Das Publikum im Berliner Admiralspalast, auf dessen Bühne Gründgens in „Liselott“ brillierte und triumphierte, hat sich fabelhaft vergnügt. Sein Text wurde damals nicht gedruckt, aber er ist glücklicherweise auf einer Schallplatte erhalten. Ob jemand bei dieser Vorstellung, bei diesem Duett auch schauderte? Hat man seine Hintergründigkeit, seine unheimliche Aktualität verstanden oder wenigstens gespürt? Oder hielt sich die Berliner Gesellschaft damals, 1932, eher an die Worte: „Doch wir lassen uns/von gar nichts irritieren...“? Und Gründgens selber, der das Liedchen heiter und bedeutungsvoll und wunderbar ironisch vortrug? Ich fürchte, die „charmanten, eleganten Edelmenschen“ hatten keine Ahnung, was auf sie, was auf Deutschland zukam.

          Wie sind wir beide vornehm

          Gräfin, dazu bin ich zu vornehm,

          ich bin so schrecklich vornehm,

          o Gott, wie bin ich fein,

          es ist nicht auszuhalten!

           

          Herzog, die hat ja keine Chance,

          bei uns’rer Contenance

          kommt die ja gar nicht hoch!

           

          Ach, ist das schön,

          sich verstanden zu sehn,

          man braucht sich nur

          in die Augen zu sehn!

           

          Gräfin/Herzog:

          Wie sind wir beide vornehm,

          o Gott, wie sind wir vornehm,

          wir bleiben unter uns.

           

          Die Manieren, die Allüren

          meiner Gattin machen mich nervös!

          Nervös!

          Für die Plumpheit,

          für die Tumbheit

          dieser Deutschen bin ich zu preziös,

          und kapriziös!

          Immer gibt sie an

          schlimmer als ein Mann!

           

          Wir charmanten,

          eleganten

          Edelmenschen bleiben separat!

          Separat!

          Die Usancen, die Nuancen unserer Liebe

          sind zu delikat, zu delikat!

          Unser stiller Charme ist nicht für Alarm.

           

          (beide) Doch wir lassen uns

          von gar nichts irritieren, nein! uns!

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