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Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Anthologie : „Wenn die Rosen ewig blühten“ von Friedrich Hebbel

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Bild: F.A.Z.

Die Vergänglichkeit des Lebens muss keine Last sein. Friedrich Hebbels „Wenn die Rosen ewig blühten“ berauscht sich am irdischen Glück.

          3 Min.

          Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts galt Hebbel als der jüngste, der letzte der deutschen Klassiker. Vieles aus seiner Feder wurde geschätzt, manches sogar, die Tagebücher zumal, bewundert. Aber wurde er je geliebt? Seine Werke seien, hieß es immer wieder, spekulativ, kalt und konstruiert. Nicht das Sinnliche und Anschauliche dominiere bei ihm, sondern das Gedankliche und Weltanschauliche, oft ist vom Grüblerischen die Rede. Das trifft schon zu, und es fällt mir schwer, an eine Hebbel-Renaissance zu glauben. Nur sollte man nicht vergessen, dass er zu den exemplarischen Autoren des neunzehnten Jahrhunderts gehört.

          Der Tradition verpflichtet, war er keineswegs altmodisch. Sein Drama verdankt viel den deutschen Klassikern, weist aber zugleich auf Ibsen voraus. Es gibt bei ihm Gedichte, die an Mörike erinnern (freilich ohne dessen wunderbare Sanftheit) und an Heine (freilich ohne dessen Witz), und andere, die an das frühe zwanzigste Jahrhundert denken lassen, mitunter wird man von Rilke-Tönen überrascht. Sicher ist: Seiner Lyrik geschieht ein Unrecht. Sie wurde schon vor hundert Jahren unterschätzt und wird es heute erst recht. Gewiss, in größeren Anthologien gibt es auch für ihn Platz, fast immer für dieselben vier oder fünf (sehr schönen) Gedichte, für das „Herbstbild“ und das „Sommerbild“, für das „Nachtlied“ und das „Abendgefühl“.

          Bedenkenlose Mädchen

          Ich will hier eine Lanze brechen für Hebbels Lyrik, und dies mit Hilfe eines so unbekannten Gedichts, das man sogar in der 1965 im Hanser Verlag erschienenen fünfbändigen Ausgabe seiner „Werke“ vergeblich sucht. Aber ich will gleich zugeben, dass ich in diesem Fall befangen bin. Die Sache ist die: Ich war fünfzehn Jahre alt, als mir in einem alten Hebbel-Band sein Gedicht „Wenn die Rosen ewig blühten . . .“ (Gedichttext im Kasten unten) auffiel. Ich habe es in den seitdem verstrichenen über sechzig Jahren nicht vergessen. Was hat mich damals so beeindruckt? Wohl zunächst Eigenschaften, auf die die Lyrik nicht angewiesen ist und von denen die Seher unter den deutschen Poeten nichts wissen wollten: die Klarheit, meine ich, und die Logik.

          Die einfache These des Gedichts lautet: Da das Leben vergänglich ist, haben die Mädchen keine Bedenken, die Burschen in ihre Kammern einzulassen. Ob Hebbel dies für bedauerlich oder für empfehlenswert hält, verrät er uns nicht. Er sagt nur: So ist es. Nun findet sich dieser Gedanke in zahllosen Versen, im Mittelalter ebenso wie in der Antike. Auch das Motiv, das hier die Vergänglichkeit veranschaulicht – das Verblühen der Blumen –, ist uralt. Also ein banales Gedicht? Schwamm drüber?

          Nach einem bekannten Muster

          Die meisten Gedichte, die Elementares ausdrücken, sind gedanklich trivial. Wenn es aber unter ihnen auch solche gibt, die uns noch nach Jahrhunderten, ja nach Jahrtausenden rühren, so hat es nur mit ihrem dichterischen Reiz zu tun, einem Reiz, der die Lyrik von der Prosa unterscheidet und der sich letztlich einer überzeugenden Definition entzieht. Überdies: Wer ganz Schlichtes poetisch formulieren möchte, ist gut beraten, sich einer möglichst schlichten, unauffälligen Sprache zu bedienen und auch eine möglichst schlichte Form zu wählen.

          Alle Worte dieser Verse entstammen dem Alltag, keine Wendung ist erkünstelt, kein Reim ist erzwungen. Das Gedicht besteht aus klaren Feststellungen und einfachen Mitteilungen. Die Form hat Hebbel übernommen – von Eichendorff, Heine, Mörike und von vielen anderen, Goethe natürlich nicht ausgeschlossen: Es ist die vierzeilige im deutschen Volkslied besonders beliebte Strophe mit dem Kreuzreim, also a-b-a-b in der ersten Strophe und c-d-c-d in der zweiten.

          Hebbels Kunst zeigt sich vor allem in der Stimmung des Gedichts: Es ist elegisch und schwermütig, seine Melodie zeugt von Resignation. Der Mensch ist, wie es schon in den Psalmen heißt, nur „ein Gast auf Erden“ – damit müssen wir uns abfinden. Aber wir dürfen uns von niemandem und von keiner Institution hindern lassen, aus dieser bitteren Erkenntnis die Folgerung zu ziehen. Denn wir wollen glücklich sein – hienieden und nicht erst im Himmelreich. Daher werden die Kammern der Mädchen, wenn die Burschen nächtlich pochen, gern geöffnet.

          Dass wir nur einmal auf Erden sind, dieser Einsicht und dem, was sich aus ihr ergibt oder ergeben sollte, verhilft das kleine Gedicht, das wie ein Volkslied anmutet, zur einleuchtenden, ja zur leuchtenden Wirkung.

          Wenn die Rosen ewig blühten ...

          Wenn die Rosen ewig blühten,

             Die man nicht vom Stock gebrochen,

          Würden sich die Mädchen hüten,

             Wenn die Burschen nächtlich pochen.

           

          Aber, da der Sturm vernichtet,

             Was die Finger übrigließen,

          Fühlen sie sich nicht verpflichtet,

             Ihre Kammern zu verschließen.

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