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Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Anthologie : Walther von der Vogelweide: Under der linden

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Bild: F.A.Z.

Das Glück der Liebe kennt keine Uhrzeit: Walther von der Vogelweides Gedicht „Under der linden“ lässt eine Liebende sprechen.

          Den Minnesängern haben die Germanisten gern den „beseelten Eros“ nachgesagt. Wollten sie mit der Betonung des Seelischen das Erotische dieser Lyrik vom Konkreten befreien und so gleichsam entsühnen, wenn nicht gar adeln? Jedenfalls musste man den Eindruck gewinnen, die deutschen Dichter des Mittelalters hätten immer bloß die hohe, hehre und holde, die himmlische Minne besungen, die sinnliche und körperliche, die irdische Liebe hingegen ignoriert oder tabuisiert.

          Nun trifft es zu, dass diese Poeten oft gehalten waren, die Gemahlin ihres jeweiligen Auftraggebers, die höfische Herrin also, zu preisen – und deren Bild hatte in der Regel abstrakt und womöglich konventionell zu sein. Doch gibt es in ihren Dichtungen auch ein reales weibliches Wesen, eine leibhaftige Geliebte. Walther von der Vogelweide etwa dachte nicht daran, das Sexuelle auszusparen.

          Erst die Szenenbeschreibung, dann die Rückblende

          In seinem (keineswegs zu Unrecht) berühmtesten Gedicht, dem Lied „Under der linden“ (Gedichttext im Kasten unten), lässt er eine Frau berichten. Nichts wissen wir über sie: weder kennen wir ihren Namen noch ihr Alter, weder ihren Stand noch ihre Herkunft. Wir wissen nur: Sie ist glücklich. Und wir hören sogleich, welchem Umstand sie dieses Glück verdankt. Die erste Strophe skizziert den Ort des Geschehens und deutet damit den Vorgang an: Von dem, was sich im Bette, im Lager unter der Linde ereignet hat, zeugen schöne gebrochene Blumen und Gräser. Walther konnte sicher sein, dass sein Publikum ihn verstehen werde: Mit gebrochenen Blumen symbolisierten die Poeten schon damals den Verlust der Jungfräulichkeit, die Defloration.

          Nachdem er den Schauplatz als einen Ort der Lust und der Liebe charakterisiert hat, blendet der Dichter zurück: Erst jetzt, in der zweiten Strophe und in den ersten drei Versen der nächsten, wird geschildert, was dem Vorfall, auf den die erste Strophe anspielt, vorangegangen ist. Dann aber folgt der zweite Zeitsprung, wir sind wieder in der Gegenwart: Wen der Weg an dem zurückgelassenen Blumenbett vorüberführt, der werde, ahnend, was da passiert ist, „inneclîche“ lachen, also sich von Herzen freuen. Denn wer liebt, mag sich nicht vorstellen, sein Glück könnte einem anderen gleichgültig sein.

          In der vierten Strophe findet sich die geradezu herausfordernde Schlussfolgerung: Dass der Liebste bei ihr lag und was er mit ihr tat, dessen würde sich jene, der dies widerfahren ist, schämen – aber nur dann, wenn es jemand wüsste. Da jedoch nur ein kleiner Vogel zugeschaut hat und dieser verschwiegen („getriuwe“) sein kann, sieht sie nicht den geringsten Grund zur Scham: Keine Reue stellt die verbotene, die heimlich genossene Liebe in Frage.

          Weiß die Glückliche, dass keine Liebesgeschichte auf Erden gut endet, dass Ernüchterung und Enttäuschung nie ausbleiben, dass, wer himmelhoch jauchzt, zu Tode betrübt sein wird? Wohl kaum. Doch was immer ihr die Zukunft bringen mag, die Seligkeit, die ihr unter der Linde beschieden war, wird ihr niemand mehr rauben können. Daher singt sie ein zwar nicht heiteres oder gar lustiges, wohl aber ein beschwingtes und beflügeltes Lied – allerdings eher in Moll als in Dur.

          Es ist ein vollkommenes poetisches Gebilde: Kein Wort fehlt hier, und auf keines lässt sich verzichten. Und wie das erzählende Mädchen nicht nur schlicht und natürlich scheint, sondern auch ein wenig kokett, so verbindet das Gedicht die vollkommene Naivität (in der Lyrik beinahe immer ein Produkt der Reife) mit äußerster artistischer Raffinesse. Walthers Kunstfertigkeit ist frei vom Makel der Künstlichkeit. Beide, den Poeten und seine Liebste, zeichnet aus, was die Jahrhunderte überdauert hat (das Lied ist um 1200 entstanden) und was sich jeder wissenschaftlichen Definition entzieht: Charme und Anmut. Erst in einer viel späteren Epoche hatte Deutschland wieder einen Dichter, der Verse von vergleichbarer Schönheit geschrieben hat: Goethe.

          Under der linden

          Under der linden

          an der heide,

          dâ unser zweier bette was,

          dâ mugt ir vinden

          schône beide

          gebrochen bluomen unde gras.

          vor dem walde in einem tal,

          tandaradei,

               schône sanc div nahtegal.

           

          Ich kam gegangen

          zuo der ouwe:

          dô was mîn friedel komen ê.

          dâ wart ich enpfangen,

          hère frouwe,

          daz ich bin. sælic iemer mê.

          kuster mich? wol tôsentstunt:

          tandaradei,

               seht wie rôt mir ist der munt.

           

          Dô het er gemachet

          also rîche

          von bluomen eine bettestat.

          des wirt noch, gelachet

          inneclîche,

          kumt iemen an daz selbe pfat.

          bî den rôsen er wol mac,

          tandaradei,

               merken wâ mirz houbet lac.

           

          Daz er bî mir laege,

          wessez iemen

          (nu enwelle got!), sô schamt ich mich.

          wes er mit mir pflæge,

          niemer niemen

          bevinde daz, wan er unde ich,

          und ein kleinez vogellin:

          tandaradei,

               daz mac wol getriuwe sin.

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