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Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Anthologie : „Logos“ von Erich Fried

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Erich Frieds Lyrik kennt keine Heimat, dafür öffnete sie Wort für Wort einen Spielraum. Sein Gedicht „Logos“ zeigt dieses befreite Eigenleben der Sprache.

          Die Toten reiten schnelle“ heißt es in Gottfried August Bürgers Ballade „Lenore“. Das stimmt schon: Zwölf Jahre (seit dem 22. November 2013 sind es 25 Jahre, Anm. d. Red.) ist Erich Fried tot – und schon ist sein Werk, nein, noch nicht vergessen, doch schon merklich verblasst und jedenfalls aus der Mode gekommen. Einst von seinen Gesinnungsgenossen maßlos überschätzt, wird Fried heute wohl unterschätzt.

          Er wurde in Österreich geboren, er hat jahrzehntelang in England gelebt und ist während eines Aufenthalts in Deutschland gestorben. Aber er war, wenn man es recht bedenkt, weder ein Österreicher noch ein Engländer oder ein Deutscher. Er war und blieb ein mitteleuropäischer Jude, dem freilich das Judentum nicht mehr viel bedeutete. In London hatte er ein Haus, doch zu Hause war der unruhige Geist dort nicht. Vielleicht war er es nur unterwegs, auf vielen Reisen quer durch die deutschsprachigen Länder, stets seinen Zorn und seinen Protest in Vers und Prosa offerierend.

          War etwa die Literatur seine Heimat? Eher könnte man sagen, das Schreiben sei seine Heimat gewesen. Er schrieb, er dichtete immer und überall. Als er bei der BBC arbeitete (von 1952 bis 1968), fuhr er täglich mit dem Autobus zur Arbeit. In der Regel produzierte er auf dem Hinweg zwei Gedichte und auf dem Rückweg ebenfalls, mitunter noch mehr. Der Ausdruckszwang war sein Glück. Zugleich allerdings war Fried ein Opfer dieses manischen Zwangs.

          Er lässt die Sprache denken

          So entwickelte sich seine Lyrik ohne Heimat, ja gerade dank der Heimatlosigkeit. Inmitten der englischen Welt wuchs Frieds ohnehin außerordentliche Empfindlichkeit für die Eigenart der deutschen Sprache, seine Reizbarkeit für den Klang und Sinn des deutschen Wortes. Das führte schon bald zum Wortspiel, einem der zentralen Elemente seiner Poesie.

          Was er mit Wortspielen im Sinne hatte, zeigt auf beispielhafte Weise das frühe Gedicht „Logos“: Es sind Spiele, die das Wort beim Wort nehmen, die jede Wendung hin und her wenden. Vieldeutigkeiten, Lautübereinstimmungen und Lautähnlichkeiten irritieren Fried stets aufs neue. Natürlich lässt er Gedanken Sprache werden, aber zugleich – und darauf kommt es hier an – lässt er die Sprache denken. Möglicherweise hat diese passionierte Wortgläubigkeit mit Frieds jüdischem Erbteil zu tun.

          Dieses Gedicht ist ein Selbstporträt

          Aber das Gedicht „Logos“ zielt, ähnlich wie andere Wortspiele von Fried, nicht oder nicht nur auf das Wort ab, das ernste Spiel ist nicht nur Selbstzweck. Seine Sprachkritik meint also mehr als die Sprache: Mit dem Wortspiel greift er das Leben an, um es zu begreifen, es ist seine Zuflucht und sein Erkenntnisinstrument, es soll etwas, was für den Autor wichtig ist, blitzartig sichtbar und durchsichtig machen. Und nichts ist für ihn – wie so oft in der Lyrik aller Zeiten – wichtiger als seine eigene Person.

          Ein Selbstporträt ist dieses Gedicht. Form und Inhalt, strenge Schmucklosigkeit und verblüffende Kunstfertigkeit bilden hier eine Einheit: In jedem Vers steht die Schlüsselvokabel („das Wort„), es gibt kein einziges Adjektiv und nur zwei Requisiten (Schwert und Schild), beide entstammen einer längst vergangenen Epoche und sind daher geeignet, die Person des Autors zu verfremden. Kargheit und Knappheit sind nicht zu überbieten, dennoch entsteht nicht der Eindruck der Künstlichkeit oder Gedrängtheit. Das Gedicht „Logos“ ist ein kleines, vollkommenes Gebilde.

          In der englischen Literatur, zumindest seit Shakespeare geschätzt und beliebt, hat das poetische Wortspiel auch bei uns eine beachtliche Tradition: Morgenstern und Karl Kraus hatten eine Schwäche für dieses Spiel, Goethe, Schiller und Heine haben es nicht verpönt, und Fried hat es auf seine Weise virtuos erneuert und aktualisiert. Freilich konnte auch er, wie manche seiner großen Vorgänger, den Kalauer nicht immer vermeiden.

          Zusammen mit einigen wunderbaren erotischen Gedichten werden, so will es mir scheinen, nicht wenige der Wortspiele Erich Frieds die Zeit besser überstehen als seine unzähligen politischen Gedichte. Wie auch immer: Wir sollten seiner gedenken, wie er es verdient – mit Nachsicht und mit Respekt.

          Logos

          Das Wort ist mein Schwert

          und das Wort beschwert mich

           

          Das Wort ist mein Schild

          und das Wort schilt mich

           

          Das Wort ist fest

          und das Wort ist lose

           

          Das Wort ist mein Fest

          und das Wort ist mein Los

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