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Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Anthologie : „Leise zieht durch mein Gemüt“ von Heinrich Heine

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Ein Umzug nach Paris mit Folgen: Heinrich Heine sendet mit seinem Gedicht „Leise zieht durch mein Gemüt“ Liebeszeichen in zweifacher Hinsicht.

          Dieses Gedicht bedarf nicht der geringsten Erklärung. Es erzählt von einem Frühlingslied, das ins Weite hinausklingen möge, bis an ein bestimmtes Haus, „wo die Blumen sprießen“; und wenn es dort eine Rose finde, dann solle es sie grüßen – von jenem, der es auf den Weg geschickt hat. Das ist alles. Dreimal verwendet Heine in den acht Versen das Verbum „klingen“ (Gedichttext im Kasten unten). Das eben ist diese poetische Miniatur: Klang, Rhythmus und Melodie, es ist „liebliches Geläute“. Nur liebliches Geläute, schwebend, anspruchslos und ein wenig konventionell? Eine hübsche Bagatelle also und nicht mehr?

          Die Verse sind in einem wichtigen, einem folgenreichen Jahr im Leben Heines entstanden: 1831. Er hatte damals beschlossen, nach Frankreich umzuziehen und sich in Paris niederzulassen. Die Entscheidung, sich von dem Land seiner Sprache zu trennen, war ihm zwar schwergefallen, doch bedauert hat er sie nie. Gewiss, hier wie dort galt er als ein Außenseiter, als ein Fremdling. Aber unter den Deutschen war er ein Jude, unter den Franzosen ein Deutscher. Mit anderen Worten: In Deutschland gehörte er zu den Ausgestoßenen, in Frankreich zu den Ausländern.

          Grußwort an eine Pflanze?

          In Heines „Buch der Lieder“, das vier Jahre vor dem Gedicht „Leise zieht durch mein Gemüt“ veröffentlicht wurde, steht die Liebe im Mittelpunkt, beinahe immer die unglückliche Liebe. Denn zwischen und hinter den Versen der berühmten Sammlung verbirgt sich das Leid eines jungen Menschen, der, in die deutsche Welt hineingeboren, von ihr angenommen werden möchte. Wir hören von einem Neuankömmling in der Gesellschaft, dem man die Gleichberechtigung verweigert, der verschmäht und zurückgewiesen wird, der allein und einsam bleibt. Diese besondere Situation des Juden Heine verleiht seiner frühen erotischen Lyrik ihre Trauer und ihre scharfen Akzente, ihren Gram und ihren Groll. Ihr zugleich verdankt sie ihren Reiz und ihre Eigenart.

          Das Lied „Leise zieht durch mein Gemüt“ behandelt ebenfalls das zentrale Motiv des „Buchs der Lieder“, doch jetzt auf andere Art. Blumen gehören zu den ältesten Symbolen der Weltliteratur, Rosen zu den beliebtesten: Wenn von ihnen in der Poesie die Rede ist, hat der Autor (natürlich nicht immer, aber sehr häufig) Frauen im Sinn und die Liebe. Das trifft auch auf unser Gedicht zu. Denn warum sonst sollte jener, der hier spricht, an einer Rose so sehr interessiert sein, dass er ihr ein Lied wie eine Brieftaube senden möchte?

          Der Unglückliche ist verstummt

          Das Frühlingslied ist also beides in einem: der Postillon d’Amour und die offenkundig zarte Botschaft, die überbracht werden soll. Ähnliches war schon im „Buch der Lieder“ zu lesen. Aber das Lebensgefühl, das hier zutage tritt, ist ungleich milder und sanfter als früher, von Bitternis, von Unmut oder Zorn gibt es im Gedicht „Leise zieht durch mein Gemüt“ keine Spur mehr. Das hat, glaube ich, mit Heines Entscheidung von 1831 zu tun.

          Ob diese so harmlos anmutenden Verse kurz vor seiner Umsiedlung nach Frankreich entstanden sind oder kurz danach – auf jeden Fall vernehmen wir die Stimme nicht mehr jenes Unglücklichen, der sich lauthals und bisweilen schrill beklagte, er habe die Liebe vergeblich gesucht und vergeblich die Hände ausgestreckt, die Antwort sei stets nur Hass gewesen.

          Würde ihn auch jene Schöne abweisen, die ihm unter allen Blumen die Rose, unter allen Frauen die allerschönste scheint? Er will es nicht darauf ankommen lassen, er will nicht vor ihrer Tür stehen oder zu ihrem Fenster hinaufblicken. Ihm genügt es, wenn sein Frühlingslied sie erreicht. Das übrige wird sich schon von selbst ergeben – oder auch nicht. Nur: Ob sein Gruß erwidert werden wird, kann er gelassen abwarten.

          So zeugt das Gedicht von einem anderen, einem neuen Abschnitt im Leben Heinrich Heines, von seiner nach vielen Niederlagen erlangten Selbstsicherheit und Souveränität, von seiner endlich gewonnenen Freiheit. Muss man den biographischen Hintergrund kennen, um von dem Gedicht entzückt zu sein? Nein, aber es kann auch nicht schaden.

          Die kaum zu überbietende Popularität dieser Verse hängt freilich in erster Linie mit ihrer sprachlichen Vollendung zusammen, mit ihrem Charme und ihrer Grazie – und übrigens auch mit der Vertonung, die von Felix Mendelssohn Bartholdy stammt. Es ist eine Bagatelle, jawohl, aber eine herrliche Bagatelle.

          Leise zieht durch mein Gemüt

          Leise zieht durch mein Gemüt

          Liebliches Geläute.

          Klinge, kleines Frühlingslied,

          Kling hinaus ins Weite.

           

          Kling hinaus, bis an das Haus,

          Wo die Blumen sprießen,

          Wenn du eine Rose schaust,

          Sag, ich laß sie grüßen.

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