https://www.faz.net/-gr0-7jfzh

Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Anthologie : „Frist“ von Günter Kunert

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Eine schnörkellose Küstenszene mit zwei nackten Menschen: Günter Kunerts Gedicht „Frist“ gewinnt aus alltäglicher Sprache unerhörte Wucht.

          2 Min.

          Ob in der DDR, wo Kunert bis 1979 lebte, oder später in der Bundesrepublik – man hat seine Lyrik zwar anerkannt und geschätzt, doch populär wurde sie weder hier noch dort. Das hat weniger mit ihrer Qualität zu tun als mit ihrer Eigenart. Kunert ist ein nachdenklicher und grübelnder, ein politischer, ein gesellschaftskritischer und philosophischer Poet. Seine Verse sind beinahe immer kühl und zurückhaltend, oft widerborstig und nie einschmeichelnd.

          Wie die meisten Dichter, die an einem Trauma leiden und mit einer Obsession geschlagen sind, artikuliert auch Kunert nur selten seine Hoffnungen und sein Glück, weit häufiger seinen Schmerz und seine Leiden. Er macht sich keine Illusionen, er ist ein Sänger der Angst, des Zweifels und der großen Vergeblichkeit, ein hartnäckiger Prophet der uns drohenden Katastrophe. Er bleibt stets nüchtern und skeptisch. Das gilt ebenfalls für seine erotische Lyrik. In ihr sind Licht und Schatten unzertrennlich. Bei Kunert birgt die Erfüllung bereits die Gefährdung.

          Sie sind einander ganz verfallen

          Schon im streng anmutenden Titel verweist das Gedicht „Frist“ (Gedichttext im Kasten unten), das aus den frühen sechziger Jahren stammt, auf sein zentrales Motiv: Es ist Befund und Warnung zugleich. Nicht eine Aktion wird hier geschildert, sondern eine Situation. Zwei Menschen liegen beieinander, sie sind offenbar allein auf weiter Flur, genauer: einsam an einem Meeresstrand. Wann haben sie sich zum ersten Mal gesehen, wann gefunden? Vor einer Stunde? Vor einer Woche? Oder sind sie vielleicht schon seit einem Jahr zusammen? Wir wissen es nicht. Doch was sie miteinander verbindet, ist mit Sicherheit ernst, ja, es ist wohl für beide äußerst wichtig: Denn hier kreuzen sich, heißt es, zwei Lebensläufe.

          Diese beiden nackten Menschen – sie sind einander ganz verfallen, sie bilden eine Welt für sich. Was sich sonst abspielt, kümmert sie überhaupt nicht, der Rest der Welt ist ihre Sache nicht, jedenfalls vorerst nicht. Was aber spielt sich ab? „Die Wellen gingen fort und kamen immer wieder“. Das ist das Einzige, was hier geschieht. Was der unaufhörliche Wellenschlag symbolisiert, braucht kaum gesagt zu werden: Es ist der Lauf der Zeit, den die beiden ignorieren möchten und dem sie gleichwohl nicht entfliehen können. Wie viel von dieser Zeit wird ihnen gegönnt? Bloß „ein wenig Frist in ziemlich viel Unendlichkeit“. Bald werden sie einsehen müssen und sich damit abfinden, dass – mit Hofmannsthal zu sprechen – „alles gleitet und vorüberrinnt“.

          Die Vergänglichkeit der Liebe und des Lebens – das ist ein alter Hut, gewiss so alt wie die Poesie, ein Thema ist es, dauerhafter als Erz. Wer sich seiner in unseren Tagen annimmt, scheint gut beraten, wenn er einen möglichst einfachen Ausdruck wählt. Der junge Kunert, schon damals ein Lyriker, der sich seiner poetischen Mittel sehr bewusst war, verzichtet konsequent auf eine kunstvolle oder gar gesuchte Umschreibung dessen, was er formulieren möchte. Er bedient sich ausschließlich der Sprache des Alltags, er vermeidet selten gebrauchte Worte.

          Und er greift auf jene Form zurück, die in der deutschen Literatur immer schon sehr beliebt war und die nie veraltet, nie altväterlich wirkt – auf die regelmäßige vierzeilige Strophe mit den so genannten Kreuzreimen (abab). So ist ihm, Günter Kunert, ein schlichtes, ein volksliedhaftes Gedicht gelungen, traurig und schön. Traurig? Nun ja, es ist doch ein Liebesgedicht.

          Frist

          Und Sonne war und fiel heiß auf sie nieder

          Und fiel auf mich der ich doch bei ihr war.

          Die Wellen gingen fort und kamen immer wieder

          Zurück voll Neugier zu dem nackten Paar.

           

          Ein wenig Fleisch auf soviel Sandgehäufe

          Ein wenig Frist in ziemlich viel Unendlichkeit

          Ein wenig Leben und zwei Lebensläufe

          Darüber Sonne und darunter Dunkelheit.

          Weitere Themen

          Der andere Bibliothekar

          Hans Magnus Enzensberger : Der andere Bibliothekar

          „Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten“ – so kündigten Hans Magnus Enzensberger und der Verleger Franz Greno 1985 die „Andere Bibliothek“ an. Eine Würdigung des Feuilletons zum 90. Geburtstag ihres einstmaligen Herausgebers.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson während eines Wahlkampf-Termins in einer Chips-Fabrik im nordirischen County Armagh

          Wahl in Nordirland : Selbst die Grenze hat eine Stimme

          In Nordirland hilft nur noch Galgenhumor: Die britische Provinz fühlt sich von allen Seiten verkauft. Die bitterste Ironie ist die Zwickmühle, in die Boris Johnson die nordirischen Konservativen gebracht hat.
          Für Normalverdiener entfällt der Posten Solidaritätszuschlag künftig auf dem Steuerbescheid.

          Für 90 Prozent der Zahler : Der Soli wird zum Teil abgeschafft

          Ab 2021 entfällt der Solidaritätszuschlag – zumindest für diejenigen, die nicht mehr als 73.874 Euro brutto im Jahr verdienen. Doch auch wer mehr verdient, kann von der so genannten Milderungszone profitieren.
          Durch Wolken aus Tränengas: Demonstranten in Bagdad

          Irakischer Fußball und Protest : Löwen im Tränengas

          Eigentlich sollte die irakische Fußball-Nationalmannschaft ein wichtiges Länderspiel gegen Iran im eigenen Land abhalten. Doch es kommt alles anders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.