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Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Anthologie : „Erinnerung an die Marie A.“ von Bertolt Brecht

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Von einem jungen Mann mit einem schwachen Gedächtnis: Bertolt Brechts Liebesgedicht „Erinnerung an die Marie A.“ versöhnt klassische Form und inhaltliche Neuerung.

          Wenn man einer Eintragung Brechts in seinem Notizbuch trauen kann, hat er dieses Gedicht (Gedichttext im Kasten unten) im Zugabteil geschrieben, während einer Fahrt nach Berlin. Es war kurz nach dem Ersten Weltkrieg, er war knapp 22 Jahre alt. Für das Drama suchte er damals neue Wege, in der Lyrik hingegen hielt er sich vor allem an die Tradition. Oft befolgte er hier, sorgfältig und souverän zugleich, strenge Regeln der klassischen Poetik. Alte und bewährte Schläuche füllte der junge Poet mit neuem Wein.

          Das Gedicht „Erinnerung an die Marie A.“ besteht aus drei Stanzen oder auch Oktaven, jeder der 24 Verse hat elf Silben und den fünftaktigen jambischen Rhythmus, in jeder Strophe reimt sich der zweite Vers mit dem vierten und der sechste mit dem achten, wobei alle Reimpaare „männlich“ sind.

          Nichts bleibt im Gedächtnis

          Aber so klassisch die Form, so mutet doch die erste Strophe romantisch-volksliedhaft an. Der sich sentimental erinnernde Poet schwelgt in Adjektiven, einfachen eher und gefühlsbetonten: Was sich in diesem blauen Mond September unter einem schönen Sommerhimmel abspielte und woran er offenbar nicht ungern denkt, war jung und hold, still und bleich. Doch in den letzten drei Versen der ersten Oktave verzichtet Brecht plötzlich auf die Attribute, vielmehr wiederholt er dreimal ein kurzes, dunkel klingendes Zeitwort: „war“. Der Schluss der Strophe kündigt gleichsam warnend den Inhalt der zweiten an: Sie folgt auf die erste wie die Antithese auf die These.

          Es sind nicht nur viele Monde inzwischen vergangen, auch die Liebe ist „still hinunter und vorbei“, jene jungen Pflaumenbäume gibt es ebenfalls nicht mehr, der Dichter kann sich an nichts erinnern, nicht einmal an das Gesicht der Geliebten. War es etwa ironisch gemeint, dass er sie in seinem Arm „wie einen holden Traum“ gehalten habe?

          Die Wolke als Erinnerungsstütze

          Der letzte Vers der zweiten Strophe relativiert den düsteren Befund: Immerhin kann der Dichter nicht vergessen, dass er dieses Gesicht geküsst hat. Und damit ist wieder auf die nächste und letzte Strophe verwiesen, die, der Hegelschen Dialektik getreu, nach der These und Antithese nun die Synthese bietet.

          Auch den Kuss hätte er, gesteht der skeptische Poet, längst vergessen, wäre da nicht die Wolke am Himmel, von der es noch einmal heißt, dass sie sehr weiß war. Aber er hat in seinem Leben unendlich viele Wolken gesehen. Warum also erinnert er sich gerade an diese, die nur Minuten „blühte“? Doch nur deshalb, weil er damals sie, „die stille bleiche Liebe“, in seinem Arm hielt und küsste.

          Von der Liebe bleibt immer etwas

          Was er in der zweiten Strophe mit betonter Sachlichkeit behauptete – „Ich kann mich nicht erinnern“ –, ist hier in der dritten indirekt widerlegt. Während er vorher nüchtern vermutete, dass die Pflaumenbäume wohl inzwischen abgehauen seien, hofft er jetzt, dass sie noch immer blühen. Den ursprünglichen, etwas kokett anmutenden Titel des Gedichts („Sentimentales Lied No.1004“) hat Brecht verworfen.

          Sollte die Wolke – „Sie war sehr weiß und kam von oben her“ – in diesem Gedicht die Liebe symbolisieren, ihre Reinheit und zugleich ihre Vergänglichkeit? Dann wäre gar die Liebe, wie einst in einer Operette gesungen wurde, eine Himmelsmacht? „Die weiß ich noch und werd ich immer wissen“ – heißt es von jener Wolke. Und das soll wohl bedeuten: So vergänglich die Liebe auch sein mag, sie verschwindet nun doch nicht ganz. Denn es bleibt die Erinnerung und vielleicht auch Dankbarkeit. Im Titel des Gedichts ist ja nicht von einem Pflaumenbaum und eben nicht von jener Wolke die Rede, sondern von einer Frau. Er hat sie nicht vergessen, sie und das Septembererlebnis werden ihm nie mehr aus dem Sinn kommen. Ihr sind diese Zeilen gewidmet.

          Erinnerung an die Marie A.

          1 An jenem Tag im blauen Mond September

             Still unter einem jungen Pflaumenbaum

             Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe

             In meinem Arm wie einen holden Traum.

             Und über uns im schönen Sommerhimmel

             War eine Wolke, die ich lange sah

             Sie war sehr weiß und ungeheuer oben

             Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

           

          2 Seit jenem Tag sind viele, viele Monde

             Geschwommen still hinunter und vorbei.

             Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen

             Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?

             So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern

             Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst

             Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer

             Ich weiß nur mehr: ich küßte es dereinst.

           

          3 Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen

             Wenn nicht die Wolke dagewesen wär

             Die weiß ich noch und werd ich immer wissen

             Sie war sehr weiß und kam von oben her.

             Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer

             Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind

             Doch jene Wolke blühte nur Minuten

             Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

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