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Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Anthologie : „An vollen Büschelzweigen“ von Johann Wolfgang von Goethe

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Bild: F.A.Z.

„An vollen Büschelzweigen“ ist nicht das bekannteste Gedicht Goethes, doch kein anderes liefert ein besseres Zeugnis vom Verhältnis des alten Dichters zu den Frauen.

          5 Min.

          Käthchen Schönkopf und Lili Schönemann, die Friederike aus Sesenheim, Charlotte Buff und Charlotte von Stein, Christiane, die er in sein Haus genommen hat, Marianne, die Unvergleichliche, und die anderen alle – bis hin zu der kleinen Ulrike, der wir die große Elegie verdanken, die Marienbader. Sie haben ihn bewundert, verehrt, geliebt. Und er, Goethe? Er hat an diese Mädchen und Frauen viele seiner Verse gerichtet, vielleicht die schönsten. Er hat sie besungen, wie noch nie Mädchen und Frauen besungen wurden, jedenfalls nicht in deutscher Sprache.

          Die Liebe war der Urgrund seiner Existenz und folglich auch seines Dichtens. Aber wie war das eigentlich: musste Goethe dichten, weil er geliebt hat? Oder hat er geliebt, weil er dichten wollte und musste? War also sein Lieben gleichsam ein Mittel zu seinem Werk? So einfach ist das wieder nicht. Nur: Er war in höchstem Maße egozentrisch und also monologisch veranlagt. An wen er sich in seinen Gedichten auch wandte, er sprach mit sich selbst und so gut wie immer nur über sich selbst.

          Der Beitrag der Frauen

          In seinen erotischen Versen ist von dem Liebenden die Rede, selten von der Geliebten. In einem der berühmtesten Gedichte des jungen Goethe, jenem, das mit den Worten „Wie herrlich leuchtet / Mir die Natur!“ beginnt, wird der Adressatin, es ist Friederike, gewünscht: „Sei ewig glücklich, / Wie du mich liebst.“ Das ist unmissverständlich: Das Glück der Angesprochenen hat damit zu tun, dass sie ihn, den Herrn aus Frankfurt, lieben darf. Und aus den unmittelbar vorangehenden Versen konnte sie die wichtigste Ursache dieses beschwörenden Wunsches erfahren: Mit ihrer Jugend habe sie, Friederike, dem Autor der Verse „zu neuen Liedern und Tänzen“ verholfen. Das war offenbar alles. So fing es in seinen jungen Jahren an, und so ist es geblieben: Die Frauen, die seinen Weg kreuzten, hatten allesamt – mochten sie von so schlichter Geistesart sein wie das Blumenmädchen Christiane oder so gescheit wie die Hofdame von Stein -, sie hatten alle ihm zu dienen, also zu seinem Werk, zu neuen Liedern beizutragen.

          Als Goethe Riemer gegenüber einmal bemerkte, dass die meisten Menschen nicht das an dem anderen lieben, was er tatsächlich ist, vielmehr das, was sie ihm leihen, dass sie bloß „ihre Vorstellung von ihm“ lieben, also sich selber – da sprach er mit Sicherheit auch von seiner Beziehung zu den Frauen: Sie bedeuteten ihm alle weniger, als man seinen Versen entnehmen könnte. Und Marianne? Das Mädchen, das mit einer Theatertruppe aus Österreich nach Frankfurt gekommen war, traf Goethe, als sie gerade den erheblich älteren Bankier von Willemer geheiratet hatte. Sie war eine einzigartige Person, jedenfalls im Leben von Goethe. Was sie von den anderen Frauen unterschied, das war ihre erstaunliche musische Begabung. Sie konnte offenbar alles, was sie wollte: tanzen, singen, dichten – und auch Verführen.

          Marianne, unser aller Glück

          Doch es war umgekehrt: Der sechsundsechzigjährige Goethe hat Marianne im Sommer und Herbst 1815 (sie war damals dreißig Jahre alt) bezaubert und sogleich verführt, regelrecht verführt – doch nur zu einem Spiel, einem Liebesspiel, einem harmlosen. Er ist entzückt, er spürt „Frühlingshauch und Sommerbrand“, es entstehen in rascher Folge neue Gedichte. Zwölf, dreizehn Jahre später wird er Eckermann sagen, dass „bei vorzüglich begabten Menschen, auch während ihres Alters, immer noch frische Epochen besonderer Produktivität“ wahrzunehmen seien. Er spricht von „temporärer Verjüngung“. Das bezieht sich auf die Zeit des „West-östlichen Divans“, auf die Wochen und Monate im Zeichen Mariannes. Sie wird freilich in diesem Rückblick nicht einmal erwähnt. Dankbarkeit gehörte nicht zu den hervorstechenden Eigenschaften Goethes.

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