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Frankfurter Anthologie : F. C. Delius: „Paläontologie“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. , AP / dapd

Fünfzig Jahre nach Veröffentlichung dieses Gedichts ist es Zeit, ein Geheimnis zu lüften: Diese Verse stammen nicht von dem Büchner-Preisträger des Jahres 2011, sondern von - aber lesen Sie selbst.

          2 Min.

          Im Spätsommer 1965 erschien als Quartheft Nr. 7 im neu gegründeten Wagenbach-Verlag der Lyrikband „Kerbholz“ eines bis dahin unbekannten Autors namens F. C. Delius, der erst Jahre später, als er von Gedichten zur Prosa überging, seinen Vornamen ausschrieb. Friedrich Christian Delius war damals noch ein unbeschriebenes Blatt, und nichts deutete darauf hin, dass der von der Kritik freundlich begrüßte Dichter 2011 den Büchner-Preis erhalten würde.

          Heute, fast auf den Tag genau fünfzig Jahre danach, ist es an der Zeit, ein schlecht gehütetes Geheimnis zu lüften: Die im Schlussteil seines Buchs enthaltenen Verse mit dem Titel „Paläontologie“ stammen nicht von Delius, sondern - doch statt vom Ende her will ich die Geschichte von Anfang an erzählen, so, wie sie sich wirklich zugetragen hat.

          Poetisches Pingpong

          In der als Fischer-Taschenbuch erschienenen Lyrikanthologie „Das Atelier“, herausgegeben von Klaus Wagenbach, hatte F. C. Delius erste Talentproben veröffentlicht und kam im Herbst 1963 nach Westberlin, wo wir gemeinsam im Studentenheim Sigmundshof aus unseren „Werken“ lasen - so lernten wir uns kennen. Berlin war trotz oder wegen des Mauerbaus die Hauptstadt der deutschen Literatur - Uwe Johnson, Johannes Bobrowski und Günter Grass lebten hier - und bot eine legale Möglichkeit, die Bundeswehr zu umgehen und stattdessen mit Gleichgesinnten Bier zu trinken - ohne Polizeistunde.

          Walter Höllerer hatte mich von der Gruppe 47 zum Literarischen Colloquium gelotst, und zusammen mit Delius studierte ich an der Freien Universität. Doch statt Gotisch und Althochdeutsch zu pauken, schrieben wir Gedichte, zu denen jeder von uns eine Zeile beisteuerte - auch Klaus Stiller war mit von der Partie. „Wirf das Besteck aus dem Fenster“, lautete eine der Vorgaben, mit der Schlusszeile: „Nie waren Duelle beredt“. In der bei Delius gedruckten Fassung heißt das Gedicht „Mahlzeit“ und beginnt mit dem Aufruf: „Wirf das Besteck aus der Hand“, endend mit dem Vers „Niemals war Verzicht beredt“. Vielleicht erklärt das, warum der Autor mir als Widmung „Lass das Besteck in der Hand!“ in sein Erstlingswerk schrieb. In spätere Bücher baute Delius Zitate von Nicolas Born ein - poetisches Pingpong, das Born mit Schmetterbällen beantwortete. Ein Dichter zog vor dem andern den Hut, und das Ganze war keineswegs neu - man denke nur an Brechts „Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“.

          Das Gedicht „Paläontologie“ (Text im Kasten unten) aber ist kein „cadavre exquis“, wie die Surrealisten solche Stilübungen nannten, sondern stammt voll und ganz von mir. Deshalb verzichte ich darauf, den Text zu interpretieren. „Diese Verse sind ganz und gar untypisch für F.C. Delius“, schrieb ich Jahre später in einer Besprechung des Gedichts für die „Frankfurter Anthologie“, die im April 2007 erschien. Marcel Reich-Ranicki, dem ich den Sachverhalt damals beichtete, hat sich darüber amüsiert und gab, ohne mit der Wimper zu zucken, den Artikel in Druck mit der Bemerkung, juristisch gesehen, sei der Fall klar: „Wenn Delius draufsteht, ist auch Delius drin.“

          F. C. Delius: „Paläontologie“

          Die Walfischin, wie sie arglos

          Ihr Junges säugt, weiß nicht,

          dass sie mitschuldig ist an der Harpune.

          Die Saurier mussten untergehn,

          weil sie zu kleine Köpfe hatten -

          Hamlets Kopf war zu schwer.

          An meinem Lächeln

          ist der Zwischenkiefer beteiligt

          (Goethe entdeckte ihn).

          Ich weiß: wenn die Brötchen versteinern,

          ist es Zeit für mich

          hinzugehn, wo die Elefanten sterben.

          Mein Museum baue ich mir selbst.

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