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Frankfurter Anthologie : Norbert Hummelt: „Feldpostkarte“

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Bild: Picture-Alliance

Ein letzter Postkartengruß vor der Abfahrt in den Krieg wird zum Gedicht. Die Naivität des Absenders – es ist der Vater des Dichters – schnürt einem die Kehle zu. Was bewirkt diese Poesie? Eine Selbsterklärung.

          2 Min.

          Die meisten meiner Gedichte verdanken sich der Begegnung mit dem Unverhofften; gelegentlich zünden sie aber auch an ruhendem Material. Die Feldpostkarte, die den Ausgangspunkt des gleichnamigen Gedichts bildet (Gedichttext im Kasten unten), befand sich seit etlichen Jahren in meinem Besitz und lag mit anderen Schreiben in einem dünnen Papierumschlag mit der Aufschrift „Briefe vom lieben Karl von der Krim“ in meiner Schreibtischschublade, bis ich sie eines Abends im November 2008 hervorholte. Ich wusste, dass es sie gab, aber ich hatte sie lange nicht angesehen, und ganz sicher nicht, seit ich selbst in Berlin lebte. Eine rotstichige, kaum verblichene Schwarz-Weiß-Fotografie mit dem Hohenzollerndom, wie er bis heute steht; auf der Rückseite die gut lesbare Handschrift mit den Grüßen meines Vaters an seine Mutter, die Anschrift der Familie zu Neuß am Rhein und der Poststempel vom 6. November 1943.

          Ohne eigentlich schon entschieden zu haben, dass daraus nun ein Gedicht werden sollte, tat ich zunächst nichts anderes, als diesen Fund in Worten festzuhalten. Die äußerliche Beschreibung des Objekts vermischte sich mit der Abschrift des Postkartentextes, auch zog ich andere Briefe aus dem Umschlag, die nun mit der Karte ein Ensemble auf meinem Schreibtisch bildeten, und so formte sich aus dem Spiel mit diesen Vorlagen ein neuer Text. Zunächst kaum merklich fügten sich die Sätze meines Vaters einem bestimmten Rhythmus, der mir bekannt vorkam, sie nahmen einen Duktus, einen Ton an, der offenbar mein eigener war, während ich doch ganz überwiegend die Worte eines anderen verwendete, sie erschlossen die unterschwellige Metrik der Umgangssprache, sie ließen sich in der unbestechlich schönen Form dreizeiliger Strophen anordnen und trugen so das niemandem Bekannte, in der Schublade Vergessene über die Schwelle der Sichtbarkeit, ins Gedicht.

          Der Druck der Verhältnisse konventionalisiert die Sprache

          Denn dass es nun ein solches war, bemerkte ich erstens an der Freude, die ich selbst an dem neuen Gebilde hatte, und zweitens an der kritischen Würdigung meiner Frau, der ich es zeigen konnte, als sie spätabends zu mir nach Hause kam. Je länger ich nun aber mit diesem Gedicht lebte, umso mehr bemerke ich, dass ich mich zusehends an die Stelle dieses lyrischen Ichs begab und mir die darin aufscheinenden Ängste zu eigen machte. Ein Zweites geschah mit dem Gedicht, etwas, das man sich immer wünscht, denn ich wurde nach Lesungen oft darauf angesprochen und konnte so erfahren, dass darin mehr als nur die Kriegserlebnisse meines eigenen Vaters vergegenwärtigt sind. So wie ich selbst mit Gottfried Benns Gedicht „Jena“, das eine Ansichtskarte seiner Mutter zum Gegenstand hat, den Abschied von meiner Mutter fühlte, sogar dann schon, als sie noch lebte.

          Aus Ansichtskarten und Feldpostbriefen, ihrer brüchigen Materialität und ihrer unter dem Druck der Verhältnisse konventionalisierten Sprache, zittert ein Leben vergangener Zeiten zu uns herüber, ein Hunger nach Käse, Wurst und Zuneigung und eine Verlorenheit, die auf meine Generation übergegangen ist und ohne die wir nicht wären, was wir sind, und das alles muss weitergegeben werden, damit es jemals verschmerzt werden kann. Ein Gedicht aus Thomas Klings Zyklus „Der Erste Weltkrieg“ wirft die Frage auf: „Ist das Inhalt der Geschichte: Eure Marmelade und Dein und Vaters Brief?“ Wie es meinem Vater in den Kriegsjahren genau erging, von welchem Heimaturlaub er an die Front zurückkehrte, was er erlebte bis zu seiner Verwundung am 6. Mai 1944 in Sewastopol und danach, davon weiß ich so gut wie nichts, und da ich niemanden mehr danach fragen kann, ist das Schreiben der einzig gangbare Weg. Am 8. November 1943, drei Tage nach der Abreise meines Vaters, wurde Berlin von schweren Luftangriffen getroffen, und die Stadt, die er in seinem Leben niemals wiedersah, hatte bereits das Angesicht verloren, das sie ihm gezeigt hatte.

          Norbert Hummelt: Feldpostkarte

          die karte zeigt den berliner dom, gesehen von der

          schloßbrücke, fotograf wird nicht genannt. freitag,

          fünfter november ’43, kurz vor abfahrt unseres zuges

           

          will ich dir rasch noch grüße schicken. wir haben uns

          heute berlin angesehen, was es so zu sehen gibt. ich bin

          so voll leid. mir träumte heut nacht, du tätest mir sterben.

           

          denkt an mich u. schickt mir briefe. käse, wurst u. was

          ihr sonst noch habt. den kuchen habe ich gleich gegessen.

          ich bin hier bei einer nachrichtenstaffel. man kann auf der

           

          stube radio hören. ich beherrsche den feldfunksprecher

          u. das feldfunkgerät d 2. mutter, jetzt muß ich schließen.

          nicht ohne großmutter innig zu grüßen. ich gehe mit ihr

           

          kaffee trinken in düsseldorf bei café heinemann u. dann

          erzähl ich von den krimtataren. bitte, mutter, schreibe

          mir briefe. erscheine mir doch noch einmal im schlaf.

           

          mutter, jetzt muß ich wirklich schließen. ich bleibe

          treu u. brav .. normale schreibschrift, mit bleistift

          geschrieben. poststempel vom folgenden tag.

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