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Frankfurter Anthologie : Hermann von Gilm zu Rosenegg: „Die Nacht“

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Bild: INTERFOTO

Der größte Dieb von allen: Alles nimmt die Nacht hinweg. Sogar in diesem Gedicht, das von ihr handelt, vergreift sie sich an einer Metapher.

          3 Min.

          Hätten nicht ein paar seiner Gedichte den Weg ins Kunstlied gefunden, wäre Hermann von Gilm, der für einige Jahrzehnte als Modeautor galt, heute nahezu völlig vergessen. Nur wenige seiner Gedichte haben überlebt. Erstmals gesammelt wurden sie in zwei Bänden bald nach seinem Tod 1864. Zu den Gedichten, die Bestand haben, zählen „Die Nacht“ und das wie eine Antwort darauf anmutende „Allerseelen“ in der Sammlung „Die letzten Blätter“. Richard Strauss hat diese beiden Stücke nebst sechs weiteren vertont.

          Hermann von Gilm, 1812 in Innsbruck als Sohn eines Richters geboren, wurde ebenfalls Jurist. Ab 1854 war der k. u. k. Beamte für zwei Jahre „Statthaltereisekretär“ in Linz, wo er unter anderem Berichte über die dortige Theatersituation zu verfassen hatte, mit dieser Zensurtätigkeit jedoch auch behördliche Eingriffe in Spielplan und Texte verhindert haben soll. Er engagierte sich gegen das Metternich-System und gegen den Klerus. Anlässe waren die Ausweisung der protestantischen Zillertaler 1837 und die Wiedererrichtung des Innsbrucker Jesuitenkollegs 1842. „Es geht ein finstres Wesen um“, heißt es in einem seiner „Jesuitenlieder“, und „Ihr habt im Herzen längst die Scham getötet“.

          Im Ranking der häufigsten lyrischen Motive dürfte die Nacht, nach Liebe und Tod, den dritten Platz einnehmen, religiös gedeutet, als romantischer Empfindungsraum oder als Gleichnis für Krankheit und Tod, für Vergessen und Tröstung, für soziale Verhältnisse. Gilms Gedicht lässt sich dem jedoch nur bedingt zuordnen, denn hier ereignet sich Ungewöhnliches: Die Nacht steigt weder gelassen mit Mörike ans Land, noch ist sie nur die schauerliterarische Tatzeit des Grauens; sie ist selbst der erschreckende Akteur.

          Zunächst tritt sie fast barock feierlich aus dem Wald heraus, dann schleicht sie geduckt wie ein Dieb leise aus den Bäumen hervor. Als ob sie selbst überrascht sei von dem, was sie außerhalb des Waldes erblickt, was es dort alles zu bedecken, zu verdunkeln gebe, schaut sie sich geradezu unsicher um. Diese Doppelbewegung zwischen ausgestellter Pracht und ängstlicher Tarnung erzeugt eine Spannung, die in die Aufforderung mündet, achtzugeben auf das, was jetzt geschehen könnte, im Weckruf eines trochäischen Zweihebers, der, wie auch im Folgenden, jeweils drei vierhebige Verse abschließt – ein von Gilm häufiger verwendetes metrisches Modell.

          Nun gib acht

          Die zweite Strophe beginnt mit dem absoluten Gegenstück der Finsternis, mit dem Licht. Alles, einschließlich der romantische Assoziationen weckenden Blumen und Farben, wird umstandslos ausgelöscht. Darauf entwickelt die Nacht eine gleichsam kriminelle Energie, versteckt hinter dem dreimaligen eher blassen „nimmt“: Wie ein Futterdieb nimmt sie das Getreide direkt vom Feld weg. Hunger droht. Aber damit nicht genug. In der dritten Strophe wird ein ästhetischer Rahmen aufgespannt und sofort wieder zerstört: Alles, was nur von irgend zarter Schönheit ist und geliebt wird, nimmt die Nacht hinweg, sogar die Metapher wird noch hinweggerissen: Der Welle raubt die Nacht den schimmernden Silberglanz.

          Doch sie stiehlt nicht nur das, was sich auf der Erde und dem Wasser zeigt, auch dessen, was oben ist, dem Himmel nah, was Zuversicht verheißt, bemächtigt sie sich, indem sie das Gold von der Domkuppel nimmt. Religiöse Sicherheit und Wohlstand schwinden. Dem dramatischen Höhepunkt folgt jedoch nicht sofort die Peripetie; davor kommt es zu einer weiteren Steigerung: Selbst der Strauch wird noch ausgeplündert, das Letzte wird genommen. Das ist dann nicht mehr der karge, aber erleuchtende Dornbusch der Wüste, in dem Moses Gott erahnen konnte, sondern nur noch gänzlich fruchtloses, unfruchtbares Gesträuch, ein Bild vollständiger Vernichtung. Am Ende richtet sich das Aufmerksamkeit fordernde und furchtsam-besorgte „Gib acht“ des Anfangs auf die Lebensangst, wenn Nacht und Tod das Gegenüber, das ‚Du‘ bedrohen, an dem der Mensch zum ‚Ich‘ wird (Martin Buber). Mitfühlende Nähe könnte, so die Hoffnung, es leichter machen, sich der Angst zu stellen.

          Hermann von Gilm soll sich auf seinen Reisen an verschiedenen Orten immer wieder neu verliebt haben, was die „Allgemeine Deutsche Biographie“ 1904 zu der ironiefreien Bemerkung veranlasste, „dass sich in den Herzensneigungen Gilm’s eine gewisse Vorliebe für Abwechslung“ zeigte. In diesem kleinen Gedicht hat er, jenseits dessen und jenseits poetischer Formeln von Liebesglück und Liebesleid, der existenziellen Gefahr endgültigen Verlusts, nicht nur der Liebe, und dem Trost im Dennoch Ausdruck gegeben.

          Hermann von Gilm zu Rosenegg: „Die Nacht“

          Aus dem Walde tritt die Nacht,
          Aus den Bäumen schleicht sie leise,
          Schaut sich um in weitem Kreise,
          Nun gib acht.

          Alle Lichter dieser Welt,
          Alle Blumen, alle Farben
          Löscht sie aus und stiehlt die Garben
          Weg vom Feld.

          Alles nimmt sie, was nur hold,
          Nimmt das Silber weg des Stroms,
          Nimmt vom Kupferdach des Doms
          Weg das Gold.

          Ausgeplündert steht der Strauch,
          Rücke näher, Seel an Seele;
          O die Nacht, mir bangt, sie stehle
          Dich mir auch.

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