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Frankfurter Anthologie : Bob Dylan: „tod ließ den pool verstummen“

  • -Aktualisiert am

Bild: picture alliance

Dieses Gedicht über den Tod Marilyn Monroes stammt aus einer Phase, in der Bob Dylan nicht wusste, ob er zum Songwriter oder zum Poeten berufen sei. Das bestimmende Thema dieser frühen Verse blieb.

          3 Min.

          Acht kurze Verse, im Original nur dreißig Silben – es ist eine einfache Geschichte, die hier minimalistisch knapp erzählt wird: Eine Frau ist gestorben und wird begraben, das ist alles. Wohlhabend muss sie gewesen sein, vielleicht sportliebend und so kindlich, dass nur ihre Stofftiere als Erinnerungsstücke in den Blick kommen. Das wäre alles, das wäre es schon, träte nicht als handelnde Figur der kleinen Geschichte ein ganz anderer auf. Tatsächlich, die einzige Person, die sich in dieser todesstarren Szenerie bewegt, ist ausgerechnet der Tod selber.

          Der aber tut sonderbare Dinge. Das Nächstliegende jedenfalls beschäftigt ihn anscheinend nicht: dass „sie starb“, das ereignet sich einfach, während er mit dem bewegten Wasser beschäftigt ist. Gebieterisch lässt er es still werden („silenced“, heißt es im Englischen in unübersetzbarer Lakonie). Wie ein fremder Hauch, der noch eine Weile an den Stofftieren festhängt, verharrt er im leer gewordenen Haus. Und dann verschwindet er spurlos, wie ein Gangster nach vollbrachter Tat: ein trickster, der tut, was er will, und der nicht zu fassen ist. Selbst am Grab, das doch sein Werk ist, hinterlässt er keine Spur. Das ist ein Paradox, nicht anders als die ganze kurze Geschichte selbst, in der nichts Lebendiges zu sehen ist, nicht einmal die Tote, sondern allein der Tod als handelnde Figur (wie im Mysterienspiel). Blicken wir von der Seite des Lebens aus auf die hier gezeigte Welt, dann ist er spurlos verschwunden, dann ist zwar Totes zu sehen, aber nicht der Tod – sehen wir sie von seiner, von der Rückseite her an, dann ist da niemand als nur er, dann steht die Zeit des Lebendigen still. Das kleine Gedicht beschreibt eine metaphysische Kippfigur.

          Acht Verse für die tote Marilyn

          Und eine biblische auch. Mit demselben Verb, das Dylan im dritten Vers gebraucht, „schwebt“ in englischen Übersetzungen der Genesis der Schöpfergeist Gottes über den Wassern: „hovering“. Hier jedoch bringt kein göttliches Wort lebende Wesen hervor; hier wird bloß der Pool zum Schweigen gebracht, unter den blicklosen Augen toten Spielzeugs.

          Der dreiundzwanzigjährige Poet, der diese Verse 1964 schrieb, hatte kurz zuvor den Namen „Bob Dylan“ angenommen, anspielend auf den Dichter Dylan Thomas. 1962 war Bob Dylans erstes Album erschienen, 1963 das zweite; im Jahr dieses Gedichts folgten zwei weitere. Der outburst of creativity, der die Welt in Erstaunen zu versetzen begann, galt zuerst einer Songpoesie, die Lyrik, Musik und Aufführung so verschmolz, wie das in den mündlichen Traditionen immer schon geschehen war, nun aber in der sprachlichen Komplexität einer avancierten Schriftkultur. Ob er zum Songwriter berufen sei oder zum Poeten, stand für den Autor damals noch nicht fest. Beat Poets wie Allen Ginsberg gehörten zu seinen Freunden; ihrem Vorbild folgte er in manchmal gereimten, manchmal reimlosen, weit ausholenden Langversen. Gleich zwei seiner vier ersten Alben enthielten, als gedruckte Beigabe, komplette Gedichtzyklen. „Some Other Kind of Songs“ hieß der eine, der andere „Eleven Outlined Epitaphs“, elf Entwürfe für Grabschriften. Schon da war es der Tod, der als heimliche Hauptfigur durch Verse ging, die doch von einer höchst lebendigen amerikanischen Gegenwart erzählten.

          Dass kurz darauf noch ein dritter Zyklus entstand, das hatte die Welt, das hatte auch der inzwischen ganz zum Songpoeten gewordene Dylan selbst vergessen, als vor acht Jahren der Fotograf Barry Feinstein in seinem Archiv einen Stapel mit Fotos aus einem Reich wiederfand, das „Hollywood“ heißt. Daneben lagen Gedichte, die Dylan dazu geschrieben hatte. Zwei der Bilder zeigen einen verlassenen Swimmingpool und Stofftiere auf einer Fensterbank; Pool und Puppen gehören zum Haus der Schauspielerin Marilyn Monroe, die sich kurz zuvor das Leben genommen hatte. Das Gedicht vom Tod am Pool ist das kürzeste der Sammlung. Frei von der Beredsamkeit der Beat-Versuche, ganz gesammelt und von lapidarer Präzision, erinnert es eher an den New Yorker Nachbarn Frank O’Hara als an Ginsberg und macht etwas von dem großen gemeinsamen Vorbild wieder hörbar: der Poesie von William Carlos Williams.

          Acht kurze Verse, dreißig Silben, eine fotografisch gesehene Szenerie und darin die Erscheinung eines Unsichtbaren: Dylans Gedicht zeigt die Herrschaft eines Todes, dem kein Reich mehr bleiben soll; es erzählt von der Zeit, um an einen Ort zu gelangen, an dem die Zeit aufhört. „Time Out Of Mind“ wird er dreiunddreißig Jahre später ein Album nennen, das noch immer um diese Suche kreist. Es ist dieselbe Geschichte.

          Bob Dylan: „tod ließ den pool verstummen“ / „death silenced her pool“

          tod ließ den pool verstummen

          am tag als sie starb

          hing über ihren

          spielzeughündchen

          doch hinterließ

          keine spur

          von sich

          beim begräbnis

           

          Aus dem Amerikanischen von Heinrich Detering.

           

          ***

           

          death silenced her pool

          the day she died

          hovered over

          her little toy dogs

          but left no trace

          of itself

          at her

          funeral

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