https://www.faz.net/-gr0-8bslg

Frankfurter Anthologie : Joachim Ringelnatz: „Stuttgarts Wein- und Bäckerstübchen“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Er soff und ließ sich treiben; für einen guten Reim tat er alles. Was Stuttgart Joachim Ringelnatz angetan hat, bleibt unklar. Jedenfalls widmete er der Stadt vier Gedichte, deren schönstes wir hier vorstellen.

          Was bringt der Dichter seiner Liebsten aus Stuttgart mit, nachdem er auch „fuhr mit diesem herrschaftlichen Benz/Wie eine quietschfidele Eminenz/Nach Marbach an dem Hause vor,/Wo Kodweiß Schillern einst gebor“ und mit großem Interesse eine württembergische Irrenanstalt besuchte? Er bringt natürlich „manch treuen Gruß“ und zum Schluss „ein süßes, kleines/Embryo in Spiritus“. Letzteres tut er allein des Reimes wegen, für den er sein Leben lang sowieso alles tat. Denn Embryos in Spiritus sind absolut unstuttgarterisch und dort nirgends käuflich zu erwerben. Auch wenn das Gedicht einfach „Stuttgart“ heißt. Im übrigen gilt, was für ihn immer galt, auch wenn er nicht gerade dichtete: „Ich soff und ließ mich treiben.“

          Der Dichter war 1925 auf Tournee und trug seine Gedichte vor und stellte seine Bilder aus (er war nebenbei auch Maler). Worüber er sofort wiederum etwas dichtete: „Ich kam von Düsseldorf, dort sah ich Radschläger./Ich kam nach Stuttgart, dort trank ich Steinhäger,/Denn mit dem schwäbischen Wein/Scheint mir nicht allzuviel los zu sein,/Wenigstens mit dem billigen.“ Bis ihm eine „hohe Frau“ die „besten Sorten tat bewilligen.“ Der Reim zwingt ihn zum Tanz über die Oberfläche der Welt, in der Radschläger unweigerlich den Steinhäger zur Folge haben.

          Joachim Ringelnatz, 1883 „ins Leben schief gebaut“, das er nach langen Hungerjahren 1934 aushustet, bürgerlich Hans Bötticher geheißen, Schulabbrecher, Schiffsjunge, Matrose, Mariner, Handlungsgehilfe, Schaufensterdekorateur, Hausmeister, Tabak-Händler, Fremdenführer, Bibliothekar, Archivar und auch Kabarettist, der brillante lyrische Narr der zwanziger Jahre, der eine Welt voller Aberwitz in das Schwermutslächeln seiner Unsinns- und Untiefsinnverse verwandelt, in denen die kleinen, geringfügigen, vergänglichen Dinge, auf die der Mensch ja meist gestellt ist, einen sonderwunderbaren Glanz erhalten – dieser große Kleinheitsdichter hat der Stadt Stuttgart insgesamt vier Gedichte gewidmet. Das eine, wie gesagt, mit dem Embryo, ein zweites mit einem luftigen Platzkonzert, ein drittes mit dem Lob für seine Herberge: Sie hätten auch in jeder anderen Stadt ihren Aufhänger finden können.

          Reime eines Reingeschmeckten

          Das vierte, das schönste, „Stuttgarts Wein- und Bäckerstübchen“, jedoch kann so nur in Stuttgart ge- und erfunden worden sein. Ringelnatz hat es in seinen letzten Sammelband, „Gedichte. Gedichte von Einstmals und Heute“ (1934), noch aufnehmen können. Es ist eindeutig „von Einstmals“.

          Ein historisches Zeugnis. Denn diese wunderbaren alten Bäckerläden, die auch als Weinstuben dienten, gibt es in Stuttgart und in Württemberg schon lange nicht mehr. Auch die „Würdebärte“ sind verschwunden. Und wer da auf langen, gemächlich gedehnten und auf dem Übersprung in die nächste Zeile schlurfend komisch sich ausruhenden Versfüßen hereinschlendert, würde heute auch nicht mehr als das sofort identifziert, als was die „Würdebärte“ und der Wirt mit seinen „mehlbestaubten Händen“ den Fremden erkennen: als einen sogenannten Reingeschmeckten. Als nicht hierher Gehörenden. Der damals so lange „laut zu grüßen“ sich unterstehen mochte, wie er wollte – es hat ihm nichts genützt. (Heute ist man auch in Stuttgart ja schon froh, wenn überhaupt noch gegrüßt wird.) Auch wenn man den lyrischen Fremden seine Reingeschmecktheit hier nur „leicht büßen“ lässt. Denn Ringelnatz war Sachse. Hätte er auf Badisch laut gegrüßt, wäre die Sache sicher schlimmer ausgegangen.

          So aber feiert das Gedicht ja geradezu mit einem leicht tränenden Augenzwinkern und charmantem Verständnis die Chancenlosigkeit des Reingeschmeckten, der keinen Zugriff auf die Brezeln hat und der als alter Balger zuschauen muss, wie allein die Katzen vor dem heißen Ofen „balgen sich“: in einer Sphäre wohliger Ordnung und Aufgehobenheit, in der jedes auch nur ein bissle krumm hängende Bild über den Zinn-Tellern an der Holzvertäfelung gerade gerückt wird. Es klagt nicht an. Es sympathisiert, seufzend zwar, aber es sympathisiert. Kein Hohnton. Dieses kleine, hübsche Meisterwerk einer poetischen Ethnographie schaut einfach nur genau hin. Was die sich „geschäftig“ bückende „kleine Bäckerstochter“ einschließt. Für die der Reingeschmeckte als erotische Möglichkeit genauso wenig in Betracht kommt wie als Teilhaber der Viertelesschlotzer im Diskurs (was auf Schwäbisch übersetzt ja einfach nur „G’schwätz“ heißt) über die kräftig geschlürften Weine. Man möchte dem Dichter gerne ein fröhliches „Sodele!“ nachrufen. Aber da hat er sich längst weitertreiben lassen. Und trinkt Steinhäger.

          Joachim Ringelnatz: „Stuttgarts Wein- und Bäckerstübchen“

          Vor dem heißen Ofen balgen

          Katzen sich. Wie dumme Jungen.

          Auf dem Tisch an kleinem Galgen

          Hängen Brezel, schön geschwungen.

           

          Würdebärte schlürfen kräftig

          Wichtig diskutierte Weine. –

          Links im Laden bückt die kleine

          Bäckerstochter sich geschäftig.

           

          Zinn blitzt von der Holz-Fassade.

          Zeichnungen an allen Wänden,

          (Stumm, mit mehlbestaubten Händen,

          Rückt der Wirt die schiefen gerade.)

           

          Setzte mich so ganz bescheiden hin

          Und vergaß auch nicht, sehr laut zu grüßen.

          Dennoch ließen Blicke mich leicht büßen,

          Daß ich kein Stuttgarter bin.

          Weitere Themen

          Die Technofrauen und das Patriarchat

          Heroines of Sound Festival : Die Technofrauen und das Patriarchat

          Das Berliner Musikfestival „Heroines of Sound“ trägt den Feminismus in die Musikindustrie und zeigt dabei die Avantgarde der Elektromusik. Die Hauptforderung der Gründerinnen ist eine Frauenquote für Radio und Orchester.

          Topmeldungen

          AKK zieht ins Kabinett ein : Sie musste springen

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat es bislang vermieden, den Weg zur Kanzlerkandidatur über das Bundeskabinett zu gehen. Woher kommt der Sinneswandel?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.