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Gedicht und Interpretation : „Großer Vogel“ von Joachim Ringelnatz

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Dieses kleine Tier will nur in Freiheit singen: „Großer Vogel“ von Joachim Ringelnatz erzählt vom Widerstand einer Nachtigall. Auf Pathos verzichtet der Dichter, auf Wirkung nicht.

          3 Min.

          Joachim Ringelnatz, Hans Bötticher mit bürgerlichem Namen - ein Rhapsode, ein streunender Seemann, ein unruhiger fahrender Sänger, ein „reisender Artist“, wie er selbst sagt, mal polternd, mal ruhiger, mal besonnen und manchmal auch ganz zart. Ein Lyriker sui generis, der uns erklärt, dass „an den Hängen der Eisenbahn“ der Ginster so gut leuchte (hier fand Siegfried Kracauer seinen Romantitel), der uns die Augen dafür öffnet, dass „die Löcher die Hauptsache an einem Sieb“ seien, und dem gelegentlich auch ganz „loreley“ zu Mute ist. Ihm braucht man nicht mit Trochäen und Jamben zu kommen, die erforderlichen Silben peilt er selbst über den Seemannsdaumen an, auch den Reim gestaltet er ohnehin so, wie er das für richtig hält - wenn ein Stups nicht passt, dann wird es eben ein „Stips“ - „Und da war es aus Gips.“ (Im Park)

          Am wenigsten begeistert er mich, wenn er als sein Alter Ego Kuttel Daddeldu (meistens auch noch betrunken) durch die Gegend stolpert und beispielsweise mit dem Fürsten Wittgenstein „Vier Flaschen Portwein aus einem gemeinsamen Becher“ trinkt. Wer es mag! Aber dann die kleine Nachtigall, die Nachtsängerin (ahd. gal = Gesang), die standhafte Künstlerin in totalitärer Zeit. Für mich ist sie unwiderruflich weiblich, kein Nachtigallerich (obwohl es die Männchen sind, die singen), sie steht 1933 symbolisch für eine Sängerin, eine Filmschauspielerin, eine Künstlerin eben, die sich dem Regime verweigert. Ein einfaches Narrativ zu Beginn (Gedichttext im Kasten unten) - sie wird gefangen, weigert sich aber beharrlich, in der Gefangenschaft zu singen, zuspielen, aufzutreten.

          Er war so frei: undatierte Aufnahme des Dichters Joachim Ringelnatz
          Er war so frei: undatierte Aufnahme des Dichters Joachim Ringelnatz : Bild: picture alliance / akg-images

          Der Lyriker setzt dann ein Asyndeton ein, ( „Man drohte, kitzelte und lockte“), um abgestuft deutlich zu machen wie die Schergen vorgehen. Man droht ihr, man kitzelt sie, will heißen schmeichelt ihrem Ego, lockt mit Versprechungen, bis man zu wüsten Drohungen übergeht. Aber, pars pro toto, ist mit ihr nicht zumachen, entweder ganz (mit allen Grundrechten, z.B. dem der freien Meinungsäußerung) oder gar nicht. Gall sang nicht, sie lässt sich nicht auseinander-dividieren. Als alles nichts fruchtet, sperrt man die ohnehin schon Gefangene noch tiefer ein, und wir denken beinahe unwillkürlich an die schaurigen Keller der Gestapo.

          Mit bitter gemeinter rhetorischer Ironie („die Verstockte“) führt uns Ringelnatz diese weitere Zwangsmaßnahme der Unterdrücker vor. Der Superlativ („Im tiefsten Keller“),auch der Lichtentzug, sprechen eine deutliche Sprache. Licht steht hier für Freiheit schlechthin, und die Braunhemden, die Andersens Märchen (Des Kaisers Nachtigall) nicht kennen, begreifen nicht, dass die Nachtigall nur in absoluter Freiheit ihren schönsten Gesang ertönen lässt. Schon in der Antike galt der Gesang des kleinen Vogels als besonderes Omen, allerlei Linderungen erwartet man von dem Sänger, Glück und Schönheit, bis hin zu einem sanften Tod. So konnte natürlich auch der entsetzliche Protz Trimalchio (Petronius, Cena Trimalchionis) zumindest nicht auf den Klang dieses Singvogels verzichten.

          Ein Vogel im Widerstand

          Ein Knabe aus Alexandrien (puer Alexandrinus) muss für die verwöhnten Gäste die Vogelstimmen (in Variationen) imitieren. (Schweigen wir davon, dass Vogelzungen als Delikatesse galten; gefangen, getötet, gegessen, horribile dictu!) Eine andere Zeit, andere Verfolger. Diese (im 20. Jh. ) versuchen es weiter, lauschen möglicherweise vor der Zellentür - jetzt wird sie doch endlich singen! Allein ist sie, unbelauscht, muss keine Angst haben vor Denunziation, vor falschem Echo, vor subversiven Texten oder Melodien, die dem Regime missfallen könnten.

          Die Nachtigall, in der Lyrik häufig besetzt, von Walther von der Vogelweides ,nahtegale’, die dem Liebesspiel ,Under der linden‘ zugesehen hatte , aber eben diskret war und verschwiegen („getriuwe“) bis hin zu Oscar Wildes selbstloser Nachtigall und etwa Gedichten von Clemens Brentano und auch Theodor Storm („Da sind in Hall und Widerhall, Die Rosen aufgesprungen“) - dieser schöne Vogel mit dem wohltönenden Gesang erfährt bei Ringelnatz eine Erweiterung in der Besetzung, sie ist eine Verweigerin, eine altruistische Widerstandskämpferin.

          Mit diesem totalitären Regime will sie nichts zu tun haben, lieber stirbt sie, aber bleibt sich treu. Ohne viel Aufwand, ohne lyrisches Wortgeklingel erzählt uns Ringelnatz die Geschichte der kleinen Verweigerin. Hier ist er ganz zart und mitfühlend, und unser Herz, ob wir es nun wollen oder nicht, schlägt sofort für die schöne und standhafte Nachtsängerin. Wenn wir es autobiographisch nehmen wollen, sieht sich Ringelnatz selbst ein wenig in der Rolle der Nachtigall. Er, der „hässliche Vogel“, der „Nasenkönig“ - („Hans wird der Nasenkönig genannt/Denn er hat eine lange Nase“), der sehr unter seinem nicht gerade gewinnenden Äußeren litt, von den Nazis 1933 mit Auftrittsverbot belegt, auch er ein Verweigerer, der sich keinen Maulkorb umhängen lässt.

          Im Simplicissimus oder wo immer er auftrat, Wein, Weib und Gesang im Schlepptau, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Bei dem Auftrittsverbot durch die Nazis ist er gerade fünfzig Jahre alt, seine Bücher wurden beschlagnahmt, und wir wissen, was mit besonders missliebigen Büchern geschah. Und so krakeelten denn auch Uniformierte (in pseudo-amtlicher Anmaßung) den Namen Joachim Ringelnatz bei der Bücherverbrenung über Rauch und Feuer hinweg. Wir wollen ihn aber nicht zum Märtyrer machen; erlebte, er liebte, er lachte gut - traurig war er allerdings auch oft genug, schonte sich und andere nicht. Wenn er als Dichter nicht gerade derb, lustig oder obszön ist, gelingen ihm bisweilen auch ganz zarte Liebesgedichte und auch solche wie das von der kleinen Nachtsängerin (Luscinia megarhynchos). Ringelnatz macht diese kleine, standhafte Nachtigall ganz groß.

          Großer Vogel

          Die Nachtigall ward eingefangen,

          Sang nimmer zwischen Käfigstangen.

          Man drohte, kitzelte und lockte.

          Gall sang nicht. Bis man die Verstockte

          Im tiefsten Keller ohne Licht

          Einsperrte. - Unbelauscht, allein

          Dort, ohne Angst vor Widerhall,

          Sang sie

          Nicht - -,

          Starb ganz klein

          Als Nachtigall.

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