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Gedicht, Interpretation, Lesung : „Umzug“ von Elisabeth Borchers

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Das letzte Gedicht von Elisabeth Borchers kreist um den Auszug aus ihrer Wohnung. Dieser „Umzug“ ist kein schnöder Tapetenwechsel, sondern eine Bewegung ins Ungewisse.

          2 Min.

          Man sollte meinen, dieses Gedicht spreche für sich. Und das tut es auch. Und tut es doch nicht. Denn es gibt nicht zu erkennen, dass es von einer über Achtzigjährigen stammt, und es gibt nicht zu erkennen, dass es das letzte Gedicht war, das sie schrieb. Der Umzug, von dem es spricht, war durch ihr Alter erzwungen. Das Haus in der Arndtstraße in Frankfurt am Main, in dem im zweiten Stock ihre Wohnung lag, hatte keinen Aufzug. Elisabeth Borchers hat lange und gern hier gelebt, nur fünf Gehminuten entfernt vom Suhrkamp Verlag, wo sie fast dreißig Jahre Lektorin war.

          Wohin sie gezogen ist, sagt das Gedicht (Gedichttext im Kasten unten) nicht. Als handelte es sich um ein Weggehen ohne Grund und Ziel. Die, die sie kennen, wissen es: sie zog in ein Seniorenstift, betreutes Wohnen, Pflegestufe je nachdem, schleichende Demenz. Weit weg von der heimatlichen Straße, weit weg vom vertrauten Westend.

          Wer kennt es nicht, das Umziehen, das leidige, freudige, ersehnte, gefürchtete, endlich in Angriff genommene, endlich zum Abschluss gebrachte Aus- und Einräumen der Behaglichkeit. „Ich räume das Haus / die Zimmer, die Treppen / ... ich räume und räume“. All die großen und kleinen Dinge, die in der alten Wohnung ein Zuhause hatten und nun in der neuen eines finden müssen. Fast ein Stück Lebensroutine.

          Frankfurter Anthologie : Umzug

          Es ist ein großer Unterschied, ob einer umziehen will oder umziehen muss. Den Wollenden lockt ein Ziel, die schönere Wohnung, die ruhigere Straße, die interessantere Stadt, all das erleichtert die Trennung vom Vergangenen. Den Müssenden zieht nichts fort, ihn ängstigt die Zukunft. So ist es auch in diesen Versen. Vom Schmerz des Kommenden aber ist nicht die Rede. Das Gedicht spricht nur von der einen Hälfte des Umziehens, nur vom Ausziehen, nur von der Wehmut des Abschieds. Und trotzdem heißt es Umzug. Denn es ist wie ein Umzug in den unsichtbaren Schrecken.

          Eine wird die letzte sein

          Die schönsten Gedichte von Elisabeth Borchers handeln vom Abschiednehmen. Und ihre traurigsten auch. Immer geht es um Flüchtigkeit und Endlichkeit, um Zeit und Zeitverlust, um Vergessen und Erinnern, um zurückgelassene Blicke, um das Verlassen liebgewonnener Orte. Wer einen Ort verlässt, belässt ihn, wie er war. Wer eine Wohnung aufgibt, den wichtigsten Ort seines Lebens, macht ihn unkenntlich. Wer hier ausräumt, räumt mehr als nur die Möbel fort. Er räumt sich selbst aus, sein Wesen, sein Glück und sein Unglück, das ganze Gebäude der Gewohnheit, der Treue, der Ordnung.

          Hier hat er geträumt, geschlafen, gewacht, gegessen, getrunken, getanzt, geliebt, gelitten. All das wird jetzt aus der Verankerung gerissen und hinausgetragen. Auch die Muse, auch die Laren. Und auch das Gedächtnis der Dinge, ihre lautlose Morandi-Existenz. Dann ist die Wohnung leer, das Licht allein, die Zimmer nackt. Und auch wir selbst. Nun erkennen wir: es gibt nicht nur ein zeitliches, es gibt auch ein räumliches Gewahrwerden der Vergänglichkeit. Wie viele Wohnungen hat ein Leben? Eine wird die letzte sein. Das ahnen wir, das wissen wir.

          Das Gedicht spricht nicht vom Einzelnen und Besonderen der Einrichtung. Denn nicht das Einzelne und Besondere ist hier das Bittere, sondern das Allgemeine. Und so wird uns langsam bewusst, dass das lakonische, an Brecht geschulte, sich ganz dem neutralen Aufzählen hingebende Gedicht nicht nur vom Ausräumen einer Wohnung handelt, sondern vom Ausräumen des Lebens. Gerade der Allerweltsschluss, dieses lapidare „ich räume und räume / den Winter, den Sommer / den Wind und das Wetter“, macht das Endgültige des Geschehens fühlbar. Der Grundriss des Gedichts ist der Grundriss dieses Kummers. Elisabeth Borchers mochte Brecht, sie kannte seinen Vers „Und es kommt nichts nachher.“ Als hätte sie ihn unsichtbar eingeschrieben in ihre letzten Zeilen.

          Umzug

          Ich räume das Haus

          die Zimmer, die Treppen

          die Jahre, Jahrzehnte

          die Tage und Nächte

          die Freunde, die Feinde

          die Tassen, die Teller

          die Kissen, die Decken

          den Himmel, die Hölle

          die Gräber

          ich räume und räume

          den Winter, den Sommer

          den Wind und das Wetter.

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