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Gedicht, Interpretation, Lesung : „Odysseus“ von Christoph Meckel

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Sage mir, Muse, die Tat eines realistischen Mannes: In Christoph Meckels Versen spricht ein Odysseus, der sich vom eigenen Ruhm und seiner Sagenhaftigkeit befreit.

          2 Min.

          Der Odysseus dieses Gedichtes scheint - wie sein berühmtes episches Vorbild auch - ein Vielduldender zu sein. Doch besteht sein Leid offensichtlich vor allem im Verlust jeglicher Autonomie, so dass er sich, wie es in der ersten Strophe heißt, fragt, was ihm zu tun bleibt, er nicht weiß, wohin er gehen kann. Von Strophe zu Strophe wird man mehr hineingezogen in den daraus folgenden Wunsch, noch einmal anfangen, untertauchen, sich allen Vorgaben entziehen zu können. Staccatohaft, epischen Epitheta ornantia gleich, werden die erträumten Antithesen literarischen Ruhms entgegen gehalten: unauffindbar in Büchern, tatenlos, ruhmlos, schweigend, von Vergleichen nicht mehr getroffen. Die ganze Hoffnung dieses unglücklich hadernden Odysseus‘ (auch der homerische Odysseus zeigt sich zuweilen larmoyant), bricht sich schließlich in der letzten Strophe Bahn (Gedichttext im Kasten unten). Abschütteln will er, alles abschütteln, sich durchschlagen ins sterbliche Licht und kommen, zu leben.

          In fast postmoderner Manier erhebt hier also ein Protagonist die Stimme gegen seinen Autor, den „Alten“, und das Buch, das ihn und alles, was ihn ausmacht, festschreibt: Götter, Häuser, Inseln, Frauen, Adressen und später sein wiedererworbenes Königtum auf Ithaka, die Heimkehr zur rechtmäßigen Ehefrau. Alles steht in diesem Buch des Dichters fest, es bleibt nur, heißt es, das Echo zwischen den Zeilen, der undeutbare Rest. Ist es überhaupt möglich, so fragt Odysseus, gegen diese Überlieferung ein eigenes Leben, „hinter dem Rücken des Dichters“, zu führen? Erst dann wohl, so führen es die beiden letzten Strophen aus, wenn die Last der Überlieferung nicht mehr besteht, wenn seine Geschichte kein Stoff mehr für eine Ballade bildet, keinen Stoff für irgend etwas außer ihn selber. Das wäre der Tod zwar des unsterblichen Helden, aber das fleischliche Leben im sterblichen Licht.

          „Odysseus“ kann man so zunächst als ein Gedicht über die Macht der Dichtung und des Dichters lesen, der eine eigene Welt schafft und darin mit seinem ‚Personal‘ nach Belieben schaltet. Als ein Gedicht weiter über die Macht der Tradition, nach der eben alles schon, vom „Irrweg“ bis zum „rechtmäßigen Bett“, feststeht. Insofern spiegelte sich in den Worten dieses Odysseus‘ auch in gewisser Weise die ewige Klage der nachgeborenen Autoren: Was bleibt mir (noch) zu tun? Bereits in der Antike gab es etwa eine Art Fortsetzung der „Odyssee“, in der Odysseus nach seiner Heimkehr noch einmal von Ithaka aufbricht und erneut heiratet. Aber auch Derartiges musste und muss sich immer messen, an dem, was der „Alte“ in seinen Strophen schon geschrieben hat. Als ein Gedicht schließlich über das seit je prekäre Verhältnis von Fiktion und Realität. Wo Sprache sich als Literatur, als Epos, als Ballade, als „irgend etwas“ die reale Welt (in der man sich zum Beispiel ganz unepisch „auf die Socken macht„) aneignet, ihr im Rahmen der Fiktion einen eigenen Raum erschafft, in der die Deutungshoheit der Worte dem stummen, prosaischen, undeutbaren Rest gegenübersteht, verliert diese Welt ihren eigenen Anspruch.

          Doch hat Meckel dabei wohl in diesem, 1974 zuerst publizierten Gedicht voll sprachlich archaischer Kraft noch mehr im Blick als den üblichen Begriff literarischer Fiktion im Sinne einer erfundenen Geschichte mit ihren eigenen Gesetzlichkeiten. Fast wie ein Kommentar zu seinem „Odysseus„-Gedicht lesen sich da seine Bemerkungen im 1980 erschienen Band „Suchbild. Über meinen Vater“. In dieser viel beachteten Auseinandersetzung eines Sohnes mit dem Vater, der seinerseits ein Kriegsheimkehrer wie Odysseus war, heißt es einmal: „Über einen Menschen schreiben bedeutet: das Tatsächliche seines Lebens zu vernichten um der Tatsächlichkeit einer Sprache willen“.

          Und: „Was bleibt übrig vom lebendigen Menschen? Was wird von ihm sichtbar im Triebwerk der Sätze? Vielleicht eine Ahnung von seinem Charakter, die flüchtigen oder festen Konturen eines Suchbildes“. Aus der Perspektive dieser Sätze lässt sich das bemerkenswerte Gedicht „Odysseus“ nicht nur als spielerische Auseinandersetzung mit der Rolle der Dichtung und des Dichters verstehen, sondern auch als zutiefst kritische Reflexion über die Möglichkeiten eines Autors überhaupt, dem „Tatsächlichen eines Lebens“ gerecht werden zu können.

          Odysseus

          Was bleibt mir zu tun

          und wo kann ich hin gehen

          da doch alles feststeht im Buch des Dichters

          das mich überliefert mit meinen Göttern

          Häusern, Inseln, Frauen, Adressen.

           

          Bleibt mir zu leben nur ein Echo

          wo mein Zuhaus ist: zwischen den Zeilen

          stumm und prosaisch

          im undeutbaren Rest, im Schweigen

          wo sich, Worte reißend, entzieht

          der Raubvogel Leben

          mein Name, mein Irrweg.

           

          Kann ich noch einmal anfangen? Untertauchen

          hinter dem Rücken des Dichters

          mit meinem Namen

          ich, Odysseus, unauffindbar

          in Büchern, tatenlos, ruhmlos, schweigend

          von Vergleichen nicht mehr getroffen

          wirklich zuletzt

          und im Fleisch, vorhanden?

           

          Meine Geschichte dauert nur in der Asche.

          Wenn vergangen sind Versmaß und Götter

          endlich vergangen sind die Strophen des Alten

          wird auch mein Name frei, und ich

          mach mich auf die Socken, ich such mir

          eine Heimstatt. Gottlos, spurlos

          nicht länger Stoff für eine Ballade.

           

          Nicht länger Stoff für irgend etwas

          außer mir selber. Keine Krone

          kein Ithaka, und keine Heimkehr

          in ein rechtmäßiges Bett. Vergänglich

          ein vom Tod ausgeschüttelter Knochen

          Glück oder Unglück

          arm, reich, rechtlos

          schüttle ich ab, ich schüttle alles ab

          und schlag mich durch ins sterbliche Licht

          und komme, zu leben!

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