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Gedicht, Interpretation, Lesung : „Nach neuen Meeren“ von Friedrich Nietzsche

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Bild: F.A.Z.

Gewissheiten waren seine Sache nicht. In dem Columbus-Gedicht „Nach neuen Meeren“ unternimmt Friedrich Nietzsche Wort für Wort eine Expedition ins Unendliche.

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          Es gehört zum Erscheinungsbild Friedrich Nietzsches, dass er alle Brücken zum festen Land abbrechen wollte. Er, der mit seinem permanenten Kopfweh die Städte an der italienischen Küste bevorzugte, um über Europas geistiges Flachland - Deutschland - spotten zu können, legte seine „fröhliche Wissenschaft“ als einen Bruch mit allen festen Bindungen an, der traditionellen „Moral“ wie der „Wahrheit“. Ebenso rauschhaft wie riskant verstand er seine Umwertung aller Werte als eine Luftschifffahrt des Geistes, die sich über alle Grenzen hinwegsetzen und aufs offene Meer des Denkens hinausbegeben würde.

          Als er im Jahr 1887 sein Buch „Die fröhliche Wissenschaft“ abermals herausbrachte, erweiterte er sie um einen fünften Teil mit dem Titel „Wir Furchtlosen“ und gab ihr eine Sammlung von Gedichten mit auf den Weg, aus denen auch das Columbus-Gedicht stammt (Gedichttext im Kasten unten), die „Lieder des Prinzen Vogelfrei“. Dabei hatte es zunächst nicht danach ausgesehen, dass Nietzsche sich ausgerechnet die Vision des aus Genua stammenden Seefahrers zu Eigen machen würde, der dann in spanischen Diensten unterwegs zu einem beutereichen Kontinent war. Dessen Expedition schien ihm eher der naiven Annahme zu folgen, die Erde sei für den Menschen gemacht, und wenn es also Länder gebe, müssten sie bewohnt sein.

          Frankfurter Anthologie : Nach neuen Meeren

          In einer ganzen Folge von Entwürfen und Fassungen hat Nietzsche, aus einem Widmungsgedicht an eine Freundin heraus, sich des visionären Seefahrers als einer Sprachmaske bedient. Das zweistrophige Gedicht „Nach neuen Meeren“ steht damit am Ende eines intensiven Prozesses, in dem es zunächst um den Mut und die Selbstsicherheit des Abenteurers geht, den das Glück und die Hoffnung auf Ruhm in die Ferne locken. Aber die Aneignung und Anverwandlung, die Nietzsche mit Columbus nach und nach verbindet, macht ihn - in einem weiteren Stadium - zu einem anderen, einem „Columbus novus“, dem es immer weniger um ein sicheres Ziel, gar um Erfolg geht, sondern um den Aufbruch selbst, - und mit der Formulierung „ins Blaue/treibt mein Genueser Schiff“ bahnt Nietzsche förmlich eine Spur der modernen Lyrik, die bis zu Gottfried Benns „blauer Stunde“ führen wird.

          Jetzt erscheinen Urteile als Setzungen

          Columbus ist in den vierhebigen, mutig voranschreitenden Trochäen unterwegs zu „neuen Meeren“, das „Dorthin“ bezeichnet weniger ein anderes, festes Land, als die Kraft und den Mut einer unabsehbaren Expedition, die sich vor allem auf den eigenen Willen und den packenden Zugriff verlassen kann, nicht auf das Schiff, nicht auf Sicherheit, nicht auf Beute. Das Meer ist offen, das Scheitern liegt nahe, und die Reise „ins Blaue“ ist ein Aufbruch ins Unbekannte, in das vom festen Land aus nicht Gesehene.

          Wie sehr sich Nietzsche in diese Imagination einleben kann, verrät der Vers „Mittag schläft auf Raum und Zeit“ - hier wird Columbus zu einer dionysischen Gestalt, denn der Mittag ist die Zeit des kürzesten Schattens, der Höhepunkt des Lebenstages, - auch die Geburtsstunde von Nietzsches Zarathustra, den er übrigens ebenfalls in der „Fröhlichen Wissenschaft“ (von 1882) ankündigt. Im Licht dieses Mittags verändert sich die Welt, nichts bleibt, wie es ist, alle gewohnten, sicheren Urteile erscheinen als bloße Setzungen, „Alles glänzt mir neu und neuer“. Die Magie dieses Augenblicks setzt Nietzsche in den gekonnt eingeführten Bruch des Versschemas in der siebten Zeile um, wenn die Spannung nunmehr jambisch aufgebaut wird: in welches Auge kann der von allen Küsten entfernte Seefahrer schauen?

          Nietzsches lyrisches Raffinement - er hat es wohl bei dem von ihm verehrten Heinrich Heine gelernt - zeigt sich in der Schlusspointe. War in früheren Fassungen noch, eher konventionell, von der Göttin Victoria die Rede, so ersetzte sie der Autor bald durch die Wendung „Und das schönste Ungeheuer/Lacht mir zu: die Ewigkeit“. Darin klingt noch die ursprüngliche Anrede des lyrischen Ich an eine „Freundin“ mit, der er rät, keinem Genueser mehr zu trauen.

          Aber auch von dieser „Bindung“ hat Nietzsche das Gedicht schließlich gelöst, und aus der noch nach europäischer Tradition klingenden „Ewigkeit“ wird am Ende die unabsehbare, die offene „Unendlichkeit“, - von der nichts Sicheres zu erwarten oder zu sagen ist. Nietzsche stößt mit ihr ein Tor in die Moderne auf, die sich vielfach in den Bahnen seines riskanten Denkens bewegt hat. Das mögliche „Scheitern an der Unendlichkeit“ (Aphorismus Nr. 575) hat er bewusst nicht ausgeschlossen, - und damit nicht die Unendlichkeit des Meeres, sondern die Unendlichkeit der unbekannten Interpretationen bezeichnet, auf die wir uns einlassen müssen, denn die Brücke zu einer verlässlichen Wahrheit, - es gibt sie nicht mehr.

          Nach neuen Meeren

          Dorthin -  w i l l  ich; und ich traue

          mir fortan und meinem Griff.

          Offen liegt das Meer, ins Blaue

          treibt mein Genueser Schiff.

           

          Alles glänzt mir neu und neuer,

          Mittag schläft auf Raum und Zeit -:

          Nur  d e i n  Auge - ungeheuer

          Blickt mich’s an, Unendlichkeit!

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