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Gedicht, Interpretation, Lesung : „Heimatlos“ von Max Herrmann-Neiße

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Bild: F.A.Z.

Die Nationalsozialisten verbrannten seine Werke und zwangen ihn zur Flucht. Max Herrmann-Neißes Gedicht „Heimatlos“ sucht für die Vertreibung Worte und bewahrt zugleich die Achtung vor den Menschen.

          3 Min.

          In der Gewissheit, dass dieses Land ihn in absehbarer Zeit nicht länger dulden werde, ging er wenige Tage nach dem Reichstagsbrand vom 27./28. Februar 1933 ins Exil. Auch seine Bücher wurden ein paar Monate später verbrannt. Gleichwohl blieb er Deutschland zeitlebens verbunden („Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten ... der ich ihr trotzdem treu geblieben bin“), der Mystiker Jakob Böhme und Dichter wie Andreas Gryphius, Angelus Silesius, Johann Christian Günther und Joseph von Eichendorff haben sein Werk maßgeblich beeinflusst.

          Im Jahr 1886 in der oberschlesischen Stadt Neiße geboren, empfand er sich bereits früh als Außenseiter, nicht zuletzt aufgrund seiner körperlichen Verfasstheit; George Grosz und Ludwig Meidner haben ihn später porträtiert. 1917 verließ er die Provinz. In Berlin, wo Franz Pfemfert und Alfred Kerr ihm den Weg in die literarische Welt ebneten, wurde er rasch erfolgreich, veröffentlichte mehrere Gedichtbände, bei S. Fischer, schrieb daneben Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Rezensionen und Texte fürs Kabarett; Heinrich Heine zählte zu seinen Vorbildern.

          Else Lasker-Schüler sah sich ihm seelisch nahe, Oskar Loerke, Carl Sternheim, Alfred Döblin achteten ihn und lobten sein Werk, sein bester Freund war der Vagabund und Poet Ringelnatz. 1924 erhielt Herrmann-Neiße den Eichendorff-Preis, 1927 folgte der Gerhart-Hauptmann-Preis. Ende der zwanziger Jahre aber geriet er fast in Vergessenheit. Sie sollte bis in die siebziger Jahre anhalten. Auch in dieser Hinsicht, noch in der Rezeption, war er ein Heimatloser. Erst Anfang der achtziger Jahre wurde sein Werk neu entdeckt. Doch bald wurde es abermals still um ihn.

          Auf den ersten Blick handelt es sich um ein konventionelles Gedicht (Gedichttext im Kasten unten) über ein zeitloses Thema - Herrmann-Neiße blieb immer der literarischen Tradition verhaftet, er unternahm keine Formexperimente, auch nicht in seinen expressionistischen Stadtgedichten -: fünfhebige Jamben, der Blankvers des klassischen deutschen Dramas, gewöhnliche Kreuzreime, vier Strophen, wenn auch nicht durch Leerzeilen markiert. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich eine besondere Struktur: Die Anfangs- und die Schlusszeilen tragen bis auf den letzten Vers identische Reimwörter.

          Der erste und der letzte Satz des Gedichts ergeben eine eigene Strophe, Anfang und Ende schließen sich zusammen, das Bild des Anfangs und die Deutung am Schluss: eine Art Rondo, wie er es - Peter Härtling hat darauf hingewiesen - gelegentlich verwendete. Die Zeilensprünge verleihen dem Gedicht einen monologischen Charakter - überhaupt gleicht seine Dichtung nach 1933 einem „Monolog auf fremder Bühne“ („Wer stellte diese seltsamen Kulissen/hier um den Weg, den jetzt mein Leben nimmt“).

          In die Bilder der kleinen Welt dringt das reflektierende Ich ein, das dem einen Gedanken immer noch einen weiteren anfügt, vertiefend, Widersprüche aufdeckend. Kontraste durchziehen den Text: Die „ohne Heimat irren so verloren“ durch das „Labyrinth“ der „Fremde“, aus dem sie den Weg nicht zurückfinden, ganz im Gegensatz zu den „Eingebornen“, die „vertraut“ miteinander „plaudern“, unter sich bleiben, den anderen nicht einlassen, in einer biedermeierlichen Idylle, der die romantischen Motive nur noch Versatzstücke sind.

          Der tröstlich „abendliche Sommerwind“ gibt den Blick nur kurz frei auf die geschlossene Gesellschaft der in ihrer Behaglichkeit fest Verwurzelten, alles scheint hier wohlgeordnet, immer schon gewesen und unveränderlich. „Grausam“ wird der liebliche Sommerwind, wenn er die „Stube“ sofort wieder verschließt vor den Blicken der Ausgeschlossenen, die sich nach der „lang entbehrte(n) Ruh“ und dem „sichren Frieden“ sehnen. Nicht einmal herrenlose Katzen und Bettler sind so „ausgestoßen und verlassen“ wie „jeder“, der einst „ein Heimatglück besaß“ und es ohne Schuld „verloren“ hat. Aber die „Eingebornen“ „träumen“ am Ende nur, sie wissen nicht, dass ihr Glück fragil ist, wenn sie das Unglück der anderen ignorieren und ihre „Schatten“ aussperren, ohne die sie gar nicht wirklich existieren. Das heile Rondo ist zerbrochen.

          Ein Gedicht als Antwort auf die Ausbürgerung

          Er gehörte nicht dazu, zu niemandem, in Deutschland nicht und nicht in England, wohin er, über Zürich, Holland und Paris gegangen war. Nur ein einziger Platz versprach ihm Solidarität und Menschlichkeit, bei denen, die das Naziregime verabscheuten, und ließ ihn doch die Fremdheit noch stärker spüren. „Ich könnte ja auch ein anerkannter deutscher Lyriker jetzt werden ... aber ich brächte es nicht über mich, auch nur stillschweigend mich fördern zu lassen von einem System, das für mich das wahrhaft teuflische ist.“

          Als ihn 1938 die Mitteilung der Ausbürgerung aus Deutschland erreichte, schrieb er das Gedicht „Ewige Heimat“. „Anstatt die Deutschen zu vergessen, wie sie es verdient hätten“, so Heinrich Mann, „lebte er weiterhin mit ihnen ..., fühlt Reue an ihrer Statt und Sehnsucht nach ihnen bis in das Unmögliche.“ Am 8. April 1941 starb Max Herrmann-Neiße. Unmittelbar nach seinem Tod gab seine Frau Leni zwei Bände mit „Letzten Gedichten“ heraus, darin auch dieses, entstanden am 23. Juni 1936, das mit einem Wort das Thema seines Lebens benennt: zur Heimatlosigkeit verurteilt zu sein und dennoch die Achtung vor den Menschen zu bewahren, nicht nur im Gedicht.

          Heimatlos

          Wir ohne Heimat irren so verloren

          und sinnlos durch der Fremde Labyrinth.

          Die Eingebornen plaudern vor den Toren

          vertraut im abendlichen Sommerwind.

          Er macht den Fenstervorhang flüchtig wehen

          und läßt uns in die lang entbehrte Ruh

          des sichren Friedens einer Stube sehen

          und schließt sie vor uns grausam wieder zu.

          Die herrenlosen Katzen in den Gassen,

          die Bettler, nächtigend im nassen Gras,

          sind nicht so ausgestoßen und verlassen

          wie jeder, der ein Heimatglück besaß

          und hat es ohne seine Schuld verloren

          und irrt jetzt durch der Fremde Labyrinth.

          Die Eingebornen träumen vor den Toren

          und wissen nicht, daß wir ihr Schatten sind.

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