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Gedicht, Interpretation, Lesung : „Der Herbst“ von Friedrich Hölderlin

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Sind Hölderlins späte Gedichte eine Schwundstufe der großen Oden und Elegien aus frühen Jahren? „Der Herbst“ jedenfalls überrascht durch seine poetische Kraft - und seinen abgeklärte Optimismus.

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          Erinnerung ist ein hohes Gut, und der Herbst ist ihre Jahreszeit. Bereits dreißig Jahre hatte Hölderlin, nach seiner Entlassung aus der Universitätsklinik, mit dem Vermerk „unheilbar“, in der Obhut der Tübinger Schreinerfamilie Zimmer verbracht, als das Gedicht 1837 entstand (Gedichttext im Kasten unten).

          In Syntax und Stil, in Metrik und Topik, mit ihren oft ähnlichen Motiven und Bildern sind die meisten der Spätgedichte kaum vergleichbar der Artifizialität der anspruchsvollen Oden und Elegien aus den Jahren zuvor, aber sie sind durchaus nicht stereotyp, wie gelegentlich gesagt wurde, und sie stellen keineswegs eine lyrische Schwundstufe dar; viele der späten Gedichte zeugen von einer höchstlebendigen poetischen Kraft.

          Das Herbstgedicht steht mit seinen vierzeiligen Strophen, in fünf- und sechshebigen Jamben, im Wechsel von Kreuz- und Paarreim, auch formal in enger Beziehung zu den anderen Jahreszeitengedichten dieses Lebensabschnitts, und es weist in nahezu jedem Wort zentrale Motive nicht nur des Spätwerks auf. Anders aber als bei Eichendorff, Lenau oder Keller wird die Chiffre des Herbstes nicht zur pessimistischen Beschwörung der Vergänglichkeit und des Todes eingesetzt, sondern menschheitsgeschichtlich und existentiell visionär, fast hoffnungsvoll gewendet. In einem anderen späten Gedicht mit demselben Titel ist vom „Tag des Herbstes“ als „mild“ die Rede und ebenso zuversichtlich vom „Sinn des hellen Bildes“, „das goldne Pracht umschwebet“. Einen „Bruder des Frühlings“ hatte Hölderlin den Herbst im „Hyperion“ genannt.

          Frankfurter Anthologie : Der Herbst

          Vier Strophen sind es, die erste greift auf das lebenslange mythologische Interesse des Dichters zurück, auf die Mythen von der Erschaffung der Welt und des Menschen. In den „Sagen“ wird das Gedächtnis der Menschheit bewahrt, wie es im Gedicht „Stimme des Volkes“ aus dem Jahr 1800 heißt: „und wohl/Sind gut die Sagen, denn ein Gedächtnis sind/Dem Höchsten sie“. Auch wenn sie vergehen, vergessen werden, so kehren sie doch zurück, die Erzählungen des Geistes. Und wenn, das ist sicher autobiographisch zu lesen, der Geist selbst entschwindet, bleibt um so stärker der Wunsch nach Erinnerung. Gerade aus der „Zeit, die eilends sich verzehret“, können wir lernen.

          Beständig ist der Planet

          Die geschichtliche Vergangenheit, wie sie in der zweiten Strophe anklingt, ist Lehrmeisterin des Lebens: „Was er mit Tugend schafft, und was er hoch vollbringet,/Es steht mit der Vergangenheit in prächtigem Geleite“, sagt Hölderlin im Gedicht „Der Sommer“, das im selben Jahr wie das Herbstgedicht entstanden ist. Die Bilder der Vergangenheit aber stehen nicht für sich allein, und sie sind nicht bloße Instrumente für die Gegenwart, sie sind weit mehr, nämlich Teil der Natur, die sie nicht verläßt. Die Tage dagegen verblassen im Alltagseinerlei. Wenn auch die Jahreszeiten vorübergehen und am Ende des Sommers der Herbst zur Erde niederkehrt, findet sich der „Geist der Schauer“, der bedrohliche oder der heilige Schauer „am Himmel wieder“.

          Die persönliche Zeit, die in der dritten Strophe angesprochen wird, verrinnt schnell, der Dichter weiß um das eigene Verlöschen. Aber er nimmt dieses Los an, denn erst mit dem intensiven Blick auf die Vergänglichkeit neigt sich das Jahr „frohem Ende“ zu. In diesen Bildern - das im Spätwerk häufig verwendete Wortfeld wird zweimal eingesetzt - zeigt sich Vollendung, alles strebt einem bestimmten Ziel, einem Telos zu.

          Die Felsen - früher nannte Hölderlin sie die „stolzen“, die „trotzenden“ Felsen - in der letzten Strophe sind Zeichen der Stabilität, und anders als die luftigen Wolkengebilde verlieren sie sich nicht. Beständig ist der Planet, von der Sonne erhellt, und im Rund der Erde, das sich „mit einem goldnen Tage“ offenbart, wird Vollkommenheit sichtbar. Dann gibt es keinen Grund, über das eigene und das Schicksal der Welt zu klagen.

          Der Herbst

          Die Sagen, die der Erde sich entfernen,
          Vom Geiste, der gewesen ist und wiederkehret,
          Sie kehren zu der Menschheit sich, und vieles lernen
          Wir aus der Zeit, die eilends sich verzehret.

          Die Bilder der Vergangenheit sind nicht verlassen
          Von der Natur, als wie die Tag’ verblassen
          Im hohen Sommer, kehrt der Herbst zur Erde nieder,
          Der Geist der Schauer findet sich am Himmel wieder.

          In kurzer Zeit hat vieles sich geendet,
          Der Landmann, der am Pfluge sich gezeiget,
          Er siehet, wie das Jahr sich frohem Ende neiget,
          In solchen Bildern ist des Menschen Tag vollendet.

          Der Erde Rund mit Felsen ausgezieret
          Ist wie die Wolke nicht, die abends sich verlieret,
          Es zeiget sich mit einem goldnen Tage,
          Und die Vollkommenheit ist ohne Klage.

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