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Gedicht, Interpretation, Lesung : „Abschied“ von Else Lasker-Schüler

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Mit diesem Gedicht trennt sich Else Lasker-Schüler nicht etwa von einer unglücklichen Liebe oder nur einem Land. Sie nimmt Abschied von der Illusion einer Gemeinschaft der Menschen.

          2 Min.

          Das Gedicht beginnt wie eine Momentaufnahme. Else Lasker-Schüler beschreibt die Häuserwand vor ihrem Fenster, blank geputzt vom Regen wird sie ihr zum steinernen Bogen, auf den sie ihre Verse schreibt. Unsichtbar eingeprägt werden sie unauslöschbar bleiben. In einem früheren Prosatext, „Die Wand“, erklärt sie ausführlicher diese Verwandlung: „Wie die Gesetzestafel vom Gipfel des himmlischen Felsens gebrochen, entwuchs mir meine Tafel aus der Erde heiliger Ahnenschicht.“

          Leichthin mischt hier Else Lasker-Schüler eine Realität mit einer anderen, die für sie nicht minder real ist. Das öffnet auch unsere Sinne. Und wir erinnern uns, die konventionell üblichen Vorstellungen und Grenzen waren für Else Lasker-Schüler nicht nur wenn sie schrieb, sondern auch in ihrem Leben unbegreiflich fremd, wenn nicht suspekt. Sie lebte andere Möglichkeiten, ernsthaft im Spiel. Dabei war sie mutig und unsentimental. Hier zu Beginn des Gedichts spottet sie über sich selbst, die erkennt, dass die Kraft der eigenen Worte sie stärkten, nicht die Liebe, die nie war wie erwartet.

          Frankfurter Anthologie : Abschied

          Drei Gedichte kennen wir von ihr, denen sie den Titel „Abschied“ gab. Die beiden frühen, die schon in der Gesamtausgabe ihrer Gedichte 1920 veröffentlicht wurden, sind Liebesgedichte. In ihnen spricht sie vom Ich zum Du. Im ersten voller glühender, vergeblicher Erwartung dem Du gegenüber, im zweiten klagt sie sich an, selber nicht genug der Liebesworte gesagt zu haben. Das dritte der Abschiedsgedichte (Gedichttext im Kasten unten), von dem hier die Rede ist, handelt nicht mehr von der Liebe, sondern vom Wir und vom Betrug. Es ist ein Abschied nicht von Gott, doch von ihrer Gewissheit, sie könne irgendwo geborgen sein, nah bei einem, der größer als ihr Verlangen ist. Zu Beginn der zweiten Strophe entwirft sie ein Bild ihrer eigenen gefährdeten, immer widerständigen Position. Sie wacht auf hohen Meereswogen und das uferlose Elementare trägt sie. Dabei erscheint dieses Bild merkwürdig erstarrt, weil kein Verb die Wogen bewegt. So gibt es dies Innehalten, in dem wir den Gedanken der Schreibenden folgen, die sich Rechenschaft gibt. Vielleicht hat sie sich selbst aus der schützenden Hand ihres Engels gelöst. Niemandem gibt sie die Schuld, nichts Kleinliches ist ihr zu eigen, sie stellt nur nüchtern fest: Die Welt hat mich, ich sie betrogen. Was nicht mehr zu beleben war, begrub sie selbst im Sand zu den Muscheln. Ein Ort, der für sie bedeutsam ist. Dort hat sie die Hülle, den Leichnam, zur Ruhe gebracht.

          Drängend beginnen nun die Fragen. Warum wir nicht friedlich in Gemeinschaft miteinander existieren können, einander das Leben neiden, obwohl uns doch ein Himmel überdeckt? Und warum - das ist die große Frage dieses Gedichtes - warum lässt Gott dies zu?

          Das Entsetzen darüber, was Menschen einander antun und dass Gott nicht eingreift, könnte Ausgangspunkt dieses Gedichtes gewesen sein. Else Lasker-Schüler veröffentlichte es 1932 im „Konzert“, dem letzten ihrer Gedichtbände in Deutschland, bevor sie flüchten musste. „Gott zog sich zurück, um den Menschen Platz zu machen“, schrieb sie später. Hier im Abschiedsgesdicht klingt es polemischer: Gott habe sich abgewendet „vom Ebenbilde seines Menschen übermannt“. Ein überraschender Umkehrschluss.

          Noch einmal bestätigt sie zum Ende hin ihre eigene Position, wachend auf hohen Meereswogen. Doch kommt nun Bewegung hinein, vibrierend stark die Vision des Entgleitens dessen, was ihr Ruhe gab und jetzt entschwindet mit den Flügelschlägen eines unsteten Adlerheers. Der letzte Satz gleicht einer großen Gebärde, mit der die Vögel sich in die Dunkelheit des Himmels stürzen, der grenzenlos offen anwesend bleibt. Der Abschied wir dargestellt, aber er hat kein Ende.

          Abschied

          Der Regen säuberte die steile Häuserwand.

          Ich schreibe auf den weißen, steinernen Bogen

          Und fühle sanft erstarken meine müde Hand

          Von Liebesversen, die mich immer süß betrogen.

           

          Ich wache in der Nacht stürmisch auf hohen Meereswogen!

          Vielleicht entglitt ich meines Engels liebevoller Hand,

          Ich hab die Welt, die Welt hat m i c h betrogen,

          Ich grub den Leichnam zu den Muscheln in den Sand.

           

          Wir blicken all zu einem Himmel auf, mißgönnen uns das Land? -

          Warum hat Gott im Osten wetterleuchtend sich verzogen,

          Vom Ebenbilde seines Menschen übermannt.

           

          Ich wache in der Nacht stürmisch auf hohen Meereswogen!

          Und was mich je mit seiner Schöpfung Ruhetag verband,

          Ist wie ein spätes Adlerheer unstät in diese Dunkelheit geflogen.

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