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Frankfurter Anthologie : Norbert Hummelt: „fegefeuer“

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Bild: Picture-Alliance

Der Zeilenumbruch richtet sich in diesem Gedicht nicht nach dem Versmaß. Daher sind die Binnenreime eigentlich Endreime. Auch das Thema ist typisch für Norbert Hummelt: die Qualen der Erinnerung.

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          Das Gedicht beginnt mit einem leichten Schneefall und endet mit einem schweren Zimmerbrand. Was passiert dazwischen? Das lyrische Ich, das sich in der zweiten Zeile zu erkennen gibt, liegt zu Beginn wie auch am Ende des Textes im Bett. Außer dem Schneefall vor dem Fenster spielt sich alles andere im Kopf des Sprechers ab: „aus den schwaden tritt ein bild hervor“, heißt es bereits in der zweiten von sieben Strophen. Der Mann im Unterhemd, der in der Erinnerung oder einem Tagtraum auftaucht, ist krank. Er keucht und versucht mit einem bekannten Hausmittel, dem Einatmen des Dampfes von Kamilleblüten in heißem Wasser unter einem Handtuch, Linderung zu erlangen.

          Vermutlich handelt es sich um den Vater, denn in der fünften Strophe wird mit der Angabe „mein kleines herz“ deutlich gemacht, dass die Situation aus der Perspektive eines Kindes, das wohl ebenfalls im Bett liegt, beschrieben wird. „jetzt ab ins bett mit zwei gelonida“, klingt nach einem Spruch einer besorgten und zugleich resoluten Mutter. „mein kopf ist voll von abgestorbenen sachen“, lässt sich dahingehend deuten, dass im Kopf des lyrischen Ichs eine Vielzahl von unverarbeiteten Erinnerungen herumspukt. Diese Erinnerungsfetzen verfolgen den Sprecher offenbar, tauchen alptraumhaft immer wieder auf. Sie quälen ihn, sein Herz brennt wie Zunder, und er kann sich nicht davon lösen: „ich muß den abendhimmel u. den rauch anstarren“.

          Keine Läuterung zu Lebzeiten

          Mit beeindruckender Konstanz legt Norbert Hummelt alle drei bis fünf Jahre einen neuen Gedichtband vor. Der 1962 im niederrheinischen Neuss geborene Schriftsteller lebt seit 2006 in Berlin. Für seine Werke wurde er mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet. Im Laufe der Jahre hat Hummelt in seiner Lyrik eine ganze eigene Form und einen unverwechselbaren Ton gefunden. Für die Form charakteristisch ist die Kleinschreibung, die Abkürzung „u.“ für das Wort „und“, die häufige Verwendung von zwei oder dreizeiligen Strophen und ganzen Sätzen sowie die klangliche Arbeit mit Binnenreimen, die nach Meinung von Hummelt selbst jedoch gar keine Binnenreime sind, sondern Endreime, die lediglich in der Mitte einer Zeile auftauchen, da der Vers dort erst zu Ende ist. Das liegt daran, dass Hummelt den Zeilenumbruch nicht nach dem Versmaß gestaltet, sondern nach optischen Überlegungen, ihm ist ein visuelles Ebenmaß im Druckbild wichtig.

          Im vorliegenden Text findet man dieses besondere Stilmittel in der zweiten Strophe mit dem Reim „rohr...hervor“, es folgen „zeigt...schweigt“, „aus...haus“, „wunder...zunder“, „weit...schneit“ und sehr eindrucksvoll am Schluss „traum...raum“. Nur bei „keucht...feucht“ in der dritten und bei „immer...zimmer“ kann man demzufolge von einem Binnenreim sprechen. Das unregelmäßige Muster gereimter und ungereimter Verse sowie die Spannung zwischen Schriftbild und Schallform machen das spezifisch Eigenständige von Hummelts Lyrik aus und erzeugen ihren besonderen Sound, den man als melodisch und ruhig charakterisieren kann. Da seine Texte rhythmisch durchkomponiert sind, erhalten die vermeintlichen Prosasätze eine poetische Aufladung, die sie im Zusammenhang einer verdichteten Atmosphäre dann vollends entfalten.

          In seinem Essayband „Wie Gedichte entstehen“ hat Hummelt Einblicke in seine Schreibtechnik gegeben. Dabei betont er insbesondere die Bedeutung des ersten Verses, der „das Webmuster des ungeknüpften Teppichs“ enthält, „er ist die erste Phrase einer neuen Melodie, der Kern einer kurzen Erzählung, und er ist genau diese drei Dinge auf einmal“. Auch das lässt sich am vorliegenden Text nachvollziehen, wo der erste Vers in der zweiten Zeile mit „zu schneien auf“ endet.

          Durch intertextuelle Bezüge gelingt es Hummelt zudem, seine Texte lyrisch zu erhöhen. Die Passage „wo doch die krankheit nicht zum tode war“ rekurriert auf Goethe beziehungsweise Kierkegaard. Die Bezeichnung „Krankheit zum Tode“ stammt aus Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ und wurde von Kierkegaard für seine philosophische Abhandlung über das existentielle Problem der Verzweiflung aufgegriffen. Die Schwermut, unter der das lyrische Ich leidet, weil es von seinem Gewissen geplagt wird, führt zwar nicht zum Tode, sie birgt jedoch Qualen, die wiederkehrende Träume als ein Fegefeuer zu Lebzeiten erscheinen lassen. Es bleibt wohl fraglich, ob dieser Mensch auf Erden eine Läuterung erfahren kann.

          Norbert Hummelt schöpft – auch in anderen Texten – sehr intensiv und höchst ertragreich aus der Vergangenheit, insbesondere aus seiner Kindheit. Erinnerungen vermischen sich mit Traumsequenzen: „u. wenn man schläft, dann/kommt der traum; erst wird uns warm u. man sieht/feuerzungen u. dann brennt irgendwann der ganze raum.“ Es ist ein Höllenfeuer.

          Norbert Hummelt: „fegefeuer“

          wenn es nur diese kleinen flocken sind, die fallen, so

          hört es dennoch nicht zu schneien auf...ich kann nur

          liegen u. den rauch anstarren u. fährt der wind tief in

           

          die regenrinnen u. orgelt lange über einem rohr, dann

          macht das zimmer eine drehung u. aus den schwaden

          tritt ein bild hervor. ein mann im unterhemd, der mir

           

          den rücken zeigt, ich kann ihn sehen, wie er kämpft

          u. keucht, das handtuch ist vom schwitzen feucht, er

          atmet ein, er dünstet aus, nach den kamilleblüten riecht

           

          das haus, weil es der sud ist, der den kopf befreit...u.

          in mir tönt die alte weisung: jetzt ab ins bett mit zwei

          gelonida. schlafen muß man, denn der schlaf wirkt

           

          wunder, wo doch die krankheit nicht zum tode war.

          mein kleines herz, das brennt wie zunder: ich muß

          ihn tragen, doch der weg ist weit. mein kopf ist voll

           

          von abgestorbenen sachen, ich muß den abendhimmel

          u. den rauch anstarren, es schneit so leise, schneit

          noch immer u. der kamilleduft im zimmer, das ist

           

          doch trübe alles, leere luft! u. wenn man schläft, dann

          kommt der traum; erst wird uns warm u. man sieht

          feuerzungen u. dann brennt irgendwann der ganze raum.

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