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Frankfurter Anthologie : Konstantinos Kavafis: „Zur Ruhe kommt“

  • -Aktualisiert am

Bild: Hulton Archive/Getty Images

Das Leben dieses Dichters war von beispielloser Monotonie geprägt. In seinen Versen aber, die nur im Freundeskreis zirkulierten, zeigt er große Kühnheit, wenn es um die Verbindung von Erinnerung und Lust geht.

          3 Min.

          Es gibt keinen zweiten Dichter von Weltrang, der ein derart langweiliges, abwechslungsloses Leben vorweisen kann wie Konstantinos Kavafis. Er verbrachte dieses Leben von seiner Geburt bis zu seinem Tode in Alexandria, wo er 1933, siebzig Jahre alt, starb. Die wenigen Jahre in Liverpool als Kind und in Istanbul als Jüngling spielen keine große Rolle, tauchen jedenfalls in seinen Gedichten nicht auf und sind allenfalls etwas für den ins Detail versessenen Biographen. Seine Familie, die zur griechischen Minderheit in Alexandria gehörte, war bei seiner Geburt wohlhabend, verarmte dann zusehends. Er begann als kleiner Beamter im Städtischen Wasseramt und beendete diese Karriere von beispielloser Monotonie als Behördenleiter. Abends durchstreifte er mit schlechtem Gewissen Kaschemmen, Kafeneions und Billardsalons, um die „Helden“ seiner Gedichte zu finden. Diese jungen Männer, meist Arbeiter, träumten davon, flüchtige Momente menschlicher Wärme zu finden und für ihre Zuwendung ein Bakschisch zu bekommen. Die homosexuelle Liebe war damals „schändlich“. Erst spät rang sich Kavafis durch, sie in seinen Gedichten zu thematisieren, dann allerdings mit erstaunlicher Offenheit.

          Seine Dichtung, die nur in losen Blättern unter Freunden zirkulierte und erst nach seinem Tode in einem Band veröffentlicht wurde, der sein schmales Lebenswerk – 154 von ihm „autorisierte“ Gedichte – umfasste, ordnete er selbst drei Bereichen zu: einem historischen, einem philosophischen und einem erotischen. Das Historische und das Philosophische hatte der sanfte Eklektiker häufig in einem Text verknüpft, zu einer Osmose mit dem Erotischen kam es nur selten. Die Gedichte, die sich mit dem hellenistischen Griechenland befassen, nehmen vom Volumen her den größten Raum ein. Zu ihnen zählen die berühmtesten Gedichte von Kavafis: „Warten auf die Barbaren“ und „Der Gott verlässt Antonius“. Sie zeichnen sich durch eine illusionslose, doch nicht trostlose Sicht der Dinge aus. Sie umkreisen eine Stadt, die zur Zeit der Ptolomäer groß und großartig war und sich seither in einem kontinuierlichen Niedergang befindet. Wie kein anderer Autor, vielleicht nur noch sein Freund und Bewunderer, der Romanschriftsteller Stratis Tsirkas, konnte er Alexandria in all ihrer Dekadenz zum Leuchten bringen. Kann man, so fragt er in seinen „historischen“ Gedichten, aus allen diesen Untergängen etwas lernen? Es gibt in Alexandria nur die Vergänglichkeit zu lernen, sagt er uns. Aber er verrät uns auch, was wir gegen die Vergänglichkeit unternehmen können.

          Ihr Körper, erinnert euch!

          Die wunderbare Unmittelbarkeit, das Bekenntnishafte seiner Liebesgedichte durchbrechen die oft spröde Lakonie der historischen Rückblicke. Im Zentrum dieser Gedichte steht das Verlangen, die Lust. Das Einzige, was der Zeit widerstehen kann, ist die Lust. Das ist die Botschaft seiner hedonistischen Gedichte. Sie huldigen der Jugend, dem jugendlichen Körper. Gegen die Korruption der Schönheit durch das Alter bietet Kavafis die Erinnerung auf, die auch dem alternden Dichter höchste Erregung zu bescheren scheint. „Körper, erinnere Dich“ ist der Titel eines seiner schönsten Gedichte, sein Mantra für die kürzeste Verbindung von Verlangen und Wort. Wir müssen uns Kavafis als Erinnerungstechniker vorstellen. Er verschließt die Tür seines Büros im Wasseramt, setzt sich an seinen Schreibtisch, schiebt die Akten zur Seite und gibt sich, die eigene Monotonie bekämpfend, der erinnernden Meditation hin. Bilder tauchen auf und wieder unter. Was uns in dem Gedicht „Zur Ruhe kommt“ berührt, ist nicht so sehr die körperliche Umarmung, es ist die Reise dieses Erinnerungsbildes über eine Zeit von sechsundzwanzig Jahren, um immer noch Hören, Sehen, Fühlen zu sein.

          In dem Gedicht „Sehr selten“, vier Jahre vor diesem Gedicht geschrieben, schenkt uns Kavafis, er ist 52 Jahre alt, ein Selbstporträt als alter Mann: „Gebeugt und erschöpft, / Verkrüppelt durch die Jahre und die eigene Unmäßigkeit, / geht er schweren Schritts durch die Gasse. / Doch wenn er nach Hause geht, um seinen Verfall / Und sein Alter zu verbergen, denkt er nach/ Über den Teil an Jugend, der ihm noch geblieben.“ Dann spricht Kavafis „von der Form, / Die er der Schönheit gab“, und dass Geist und Gestalt dieser jungen Männer von ebendieser Form „ergriffen“ sind. Erinnerung ist das eine Mittel, um die fatale Vergänglichkeit zu bekämpfen, das Gedicht das andere, um diesen Kampf gegen die Zeit auch zu gewinnen. Das Bild von der Umarmung kommt zur Ruhe, nachdem es mehr als ein Vierteljahrhundert durchquert hat, es bleibt in diesem Gedicht, aufrufbar, verstetigt, umschlossen von dessen Form.

          Es war wohl ein Uhr
          In der Nacht oder halb zwei.

          In einer Ecke der Taverne,
          Hinter der Trennwand aus Holz
          War niemand außer uns beiden.
          Die Petroleumlampe leuchtete nur schwach
          An der Tür war der Kellner vor Müdigkeit eingeschlafen.

          Niemand konnte uns sehen.
          Auch waren wir bereits zu erregt,
          Um vorsichtig zu sein.

          Unsere Kleider halboffen – viel trugen wir nicht,
          Da der göttliche Monat Juli sengende Hitze brachte.

          Rausch des Fleisches zwischen
          Halboffenen Kleidern,
          Rasche Entblößung des Körpers – deren Vorstellung
          Sechsundzwanzig Jahre durchquert und jetzt
          In diesem Gedicht zur Ruhe kommt.

          Aus dem Griechischen von Robert Elsie

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