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Frankfurter Anthologie : Rainer Maria Rilke: „Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens“

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Bild: FAZ

Was bedeutet es, wenn man sich selbst aussetzt? Rainer Maria Rilke lässt seine Verse zu dieser Frage unvollendet stehen.

          2 Min.

          Wie gemeinschaftsbezogen man auch denkt und handelt, zuletzt ist man allein, bleibt einsam mit sich selbst zurück. Wer ein Tier aussetzt, um sich seiner zu entledigen, begeht laut Gesetz eine Ordnungswidrigkeit und macht sich strafbar. Wie aber, wenn man sich selbst aussetzt? In Rilkes Fragment – er entwarf es bald nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, veröffentlichte es aber erst 1919 – scheinen die Tiere dagegen „gesichert“ und „geborgen“. Ausgesetzt und sich selbst überlassen ist hier das sich nicht ausdrücklich zur Sprache bringende Ich, das sich in einem Wesen verbirgt, das damit begonnen hatte, wissend zu werden, dabei aber verstummte. Dieses Gedicht ist, so scheint es, von einem auf den Gipfeln seines reinen Empfindens Ausgesetzten verfasst worden, ein Gedicht, das abbrechen und damit Fragment bleiben muss, gerade weil in ihm vom „stummen Absturz“ die Rede ist.

          Kommt beim Aufstieg auf Bergeshöhen irgendwann die Baumgrenze, so scheint hier die Wortgrenze erreicht zu sein. An ihr kann nur noch das Unbedarfte, das vor sich hin blühende Kraut, wirklich „singen“, angesichts dessen, was sonst im brandgefährlichen Flachland geschieht. Das Gefühl will als Gehöft noch beherbergen, aber es ist selbst „ausgesetzt“, ein Einödhof wie später das „Zeitgehöft“ Paul Celans. Soll man das Gedicht als Hilferuf eines Ausgesetzten lesen? Oder vielmehr als ein konstatierendes Protokoll eines seelischen Zustands am Rand von Abgründen?

          Die letzte Ortschaft der Worte

          Vier nahezu absolut gesetzte Partizipialsätze – der dritte erläutert das Befinden des wissend ins Schweigen Geratenen, der vierte beschließt das Fragment, bewirkt damit freilich ein allenfalls vorläufiges Ende, läuft in einem Auslassungszeichen aus, das mit einem Gedankenstrich korrespondiert und diesen auflöst und damit auch die kurzzeitige Besinnung, die dieser Gedankenstrich evoziert. Diese dritte abschließende Wiederholung beinhaltet eine entscheidende Variation: ‚ausgesetzt‘ wird durch ein anderes Partizip ersetzt: ‚ungeborgen‘; damit ist der Eindruck und Zustand emotionaler Unbehaustheit noch verstärkt.

          Die wesentliche, wiederum unausgesprochene Frage des Gedichts lautet: Wer setzt wen oder was aus? Setzte sich der Wissende selbst aus, weil allein schon der Beginn des Wissenserwerbs zu viel über die Bedingungen des Daseins enthüllte? Und wo liegen sie, die „Berge des Herzens“? Was bergen diese Berge? Hat sich in ihnen die Liebe in der Welt abgelagert, oder bewahren sie die noch nicht geliebte Liebe, die es zu erschließen gilt? Diese Berge liegen außerhalb von uns. Vielleicht müssten wir einen Bergwerksschacht anlegen, um ins Innere dieser Herzberge vorzustoßen. Romantiker sahen sich gern als Bergwerker, die ins Innere der Welt Stollen treiben wollten.

          Was bleibt dem, der sich auf den Bergen des Herzens ausgesetzt sieht? Er beobachtet, nimmt Flora und Fauna in den Blick, lernt, mit den Steinen Umgang zu pflegen. Auch wenn er sein Wissen abzulegen, ja, in diesen Gefühlsgebirgen steigend zu überwinden versucht, er deutet das Umliegende, versteht diese „Gipfel“ als Höhepunkte „reiner Verweigerung“; und das meint ein Leben, das keinen Erwartungen mehr entsprechen will. Dass hier noch ein Du in Erscheinung tritt, verdankt sich einer Selbsttäuschung: Das verborgene – oder soll man sagen: das sich vor sich selbst verbergende? – Ich spricht sich als Du an, fragt, ob es noch erkennt, was es (einst) gewusst.

          Wer sich auf diesen auf keiner Landkarte verzeichneten Bergen ausgesetzt sieht, exponiert sich, auch den Elementen – solchen der Natur und des Empfindens. Und das gilt auch für das Gedicht als Wortempfindungsfragment, geborgen in den unwegsamen Gefilden des zerklüfteten Herzgebirges.

          Rainer Maria Rilke

          Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort,
          siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher,
          aber wie klein auch, noch ein letztes
          Gehöft von Gefühl. Erkennst du’s?
          Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund
          unter den Händen. Hier blüht wohl einiges auf; aus stummem Absturz
          blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.
          Aber der Wissende? Ach, der zu wissen begann
          und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens.
          Da geht wohl, heilen Bewußtseins,
          manches umher, manches gesicherte Bergtier,
          wechselt und weilt. Und der große geborgene Vogel
          kreist um der Gipfel reine Verweigerung. – Aber
          ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens...

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