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Frankfurter Anthologie : Ernst Jünger: „Zu Kubins Bild ,Der Mensch‘“

  • -Aktualisiert am

Bild: Klett-Cotta Verlag

Ernst Jünger ist bekannt für seine Erzählungen, nur selten hat er Gedichte verfasst. Für die Auseinandersetzung mit einem Bild von Alfred Kubin passte ihm die lyrische Form.

          2 Min.

          Ernst Jünger ist nicht als Lyriker hervorgetreten. Zwar galt er in den letzten Gymnasialjahren kurz vor dem Ersten Weltkrieg als „Poet“, weil er Klassen- und Fahrtenbücher mit Pennäler-Versen bereicherte. Aber auf den Ausbruch des Kriegs im August 1914 reagierte er – anders als viele Zeitgenossen – nicht mit Gedichten, sondern mit freiwilligem Einsatz über vier Jahre hinweg und einem dauerhaft geführten Kriegstagebuch, aus dem das 1920 erschienene Erinnerungsbuch „In Stahlgewittern“ hervorging: ein Prosawerk, das wegen seiner affirmativen Darstellung des Kriegs oft kritisiert wird, wegen der eindringlichen Genauigkeit der Darstellung aber weltweite Anerkennung erfahren hat. Mit ihm wurde Jünger zum Prosaisten. Die Lyrik überließ er seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Friedrich Georg, der zu einem Dichter und Poetologen von Rang wurde.

          Von Ernst Jünger sind nur ein Dutzend Gedichte überliefert, das meiste im Stil wohlmeinender Gelegenheitslyrik, die alle möglichen Anlässe mit erbaulichen oder humoristischen Versen bedenkt. Einen künstlerischen Anspruch, der darüber hinauszielt, verrät nur ein Gedicht, das die Überschrift „Zu Kubins Bild ,Der Mensch‘“ trägt und damit als Reflexion einer bildkünstlerischen Vorlage ausgewiesen wird. Jünger schrieb es im Februar 1921 und sandte es an Kubin. Eine Antwort erhielt er damals nicht; erst acht Jahre später kam es zu einem Briefwechsel.

          Fortschrittsfreude und Katastrophenangst

          Kubin hatte 1909 den Roman „Die andere Seite“ publiziert, eine ins Unheimliche führende Schilderung der Zerrüttung und des Untergangs einer Zivilisation. Jünger fand dieses „seismographische“ Buch gegen Ende des Krieges in einer Buchhandlung an der Westfront und las es mit ahnungsvollem Interesse. Das Bild „Der Mensch“ stammt aus dem Jahr 1902 und ist eine aquarellierte Tuschzeichnung von etwa vierzig auf zwanzig Zentimetern im Querformat. Es zeigt eine Art Achterbahngleis, das sich im unteren Drittel des Bildes in einer lichten, aber nicht unbedingt freundlichen Ferne verliert; es ist ein gleißendes Licht, das dort herrscht. Auf dem abstürzenden Teil der Bahn schießt ein unbekleideter Mensch, der auf einer Achse zwischen zwei Rädern steht, in rasender Fahrt nach unten und versucht Gleichgewicht zu halten.

          Dass Jünger sich 1921 von diesem Bild angesprochen fühlte, ist kein Zufall. Zwischen der Entstehung der Grafik und Jüngers Beschäftigung mit ihr liegt der Expressionismus, der die Existenzproblematik, die Kubin 1902 ins Bild gebracht hatte, diese Mischung aus zivilisatorischer Beschleunigung und Beängstigung, aus Fortschrittsfreude und Katastrophenangst, in vielen Gedichten ausbuchstabierte. Jüngers eigenes ist in jeder Hinsicht ein Gedicht aus dem Geist der von Kurt Pinthus 1919 herausgegebenen Anthologie „Menschheitsdämmerung“ mit expressionistischer Lyrik; das „dämmern“ wird ja in der ersten Zeile der zweiten Strophe aufgegriffen. Im Grunde genommen besteht Jüngers Gedicht nur aus den Leitvokabeln des Expressionismus (Traum, Hirn, Vision, Glut, Urfrage, Sein, Wahnsinn, Mensch, All, Orkan, Dämmerung, Sturz, Schrei, Nichts, Transzendenz, Irre), die in dem elliptisch-exklamatorischen, die Syntax sprengenden und den semantischen Zusammenhang verrätselnden Stil, den die Expressionisten liebten, in dramatisierender Weise aneinandergereiht oder eigentlich aufgetürmt werden. Die ersten Wortreihen wirken assoziativ. Vom dritten Vers an hält sich das Gedicht ans Bild und wird, wenn man die Vorlage kennt, verständlicher. Es ist aber nicht nur Bildbeschreibung, sondern Interpretation, die das Ungeheure, Gefährliche des dargestellten Vorgangs verdeutlicht.

          Man könnte einwenden, Jüngers Gedicht beziehe seine Aussage ganz aus Kubins Bild. Das bedeutet allerdings keine Entwertung; viele Gedichte großer Lyriker reflektieren bildkünstlerische Vorgaben. Jünger hat sich zum Dolmetscher eines Bildes gemacht, das ihm 1921 bedeutungsvoll wurde, weil es wohl seinem durch technische Moderne, Krieg und Expressionismus geprägten Existenzgefühl entsprach: der Mensch auf rasanter Achterbahnfahrt ohne Bremsvorrichtung und ohne sichtbare Ausstiegs- oder Wendemöglichkeit. Das Zirkuszelt, in dem das stattzufinden scheint, ist das „All“ der dritten Zeile, der Kosmos, durch den die Menschheit rast. Das Bild stammt aus dem Jahr 1902, das Gedicht aus dem Jahr 1921. Wir sind jetzt hundert Jahre weiter.

          Ernst Jünger: „Zu Kubins Bild ,Der Mensch‘“

          Traum, hirndurchglüht, wird Vision, Krystall,
          Urfrage Sein zu Wahnsinn, Katarakt:
          Aufrechter Mensch; geschleudert in das All,
          Orkan im Haar, bleich, einsam, nackt.
          Ausschnitt endloser Kurve dämmert Welt,
          Absturz in Dunkel, transzendenter Schwung,
          Aufschrei das Leben, jäh aus Nichts geschnellt,
          Ein Rampenlicht zu irrem Zirkussprung.

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