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Frankfurter Anthologie : Theodor Fontane: „Zeitung“

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Theodor Fontane Bild: Picture-Alliance

Fontane war nicht nur ein begeisterter Leser von Zeitungen, er arbeitete für sie und veröffentlichte in ihnen seine Romane. Mit einem seiner letzten Gedichte setzte er seiner Leidenschaft ein Denkmal.

          Wie stirbt der berühmteste deutsche Romancier des neunzehnten Jahrhunderts? Stilvoll. Mit einer Zeitung in der Hand. Bevor Theodor Fontane am Abend des 20. September 1898 gegen 21 Uhr für immer die Augen schloss, blätterte er in der „Deutschen Rundschau“, in der noch sechs Jahre zuvor sein Roman „Frau Jenny Treibel“ zuerst in gut honorierten Fortsetzungen erschien, bevor er als schlecht honoriertes Buch zweitverwertet wurde. Der große Fontane war zwar ein Schulabbrecher, Apotheker, Apothekerabbrecher und anderes Abbrechender mehr: als Museumswärter, Sprachlehrer, Bibliothekar, Akademie-Sekretär. Bevor er das Balladendichten und sehr spät das Romanschreiben anfing. Was er aber nie abbrach, war seine lebenslange Zeitungssucht, sein Augen- und Neugierfutter „von morgens früh und abends spät“, seine von Volten und Verrenkungen („ich habe mich für dreißig Silberlinge an die Reaction verkauft“) nicht freie geschmeidige Virtuosität im Umgang mit Zeitungen. Wobei mit „morgens früh und abends spät“ nicht nur ein Tages-, sondern ein ganzer Lebenslauf mitgemeint sein darf.

          Abgesehen davon, dass Fontane seine Bildung nicht auf sowieso nur sporadisch besuchten Schulbänken, sondern von Kindheit an aus den illustrierten Blättern sich aneignete, war er die längste Zeit seines Lebens Zeitungsschreiber. Erst bei liberalen Organen wie der „Dresdner Zeitung“, dann bei konservativeren Blättern, sogar festangestellter Redakteur der erzreaktionären „Kreuzzeitung“ (er hatte eine Familie zu ernähren, und die Reaktionäre zahlten halt besser als die Liberalen). Er war Reporter auf Kriegsschauplätzen, Korrespondent und Auswerter ausländischer Gazetten, „Regierungsschweinehund“ im Dienste preußischer Presselenkungsbüros erst in Berlin, dann in London. Endlich aber avancierte er zum pointenführenden Theaterkritiker des hauptstädtischen Deutschlands für die berühmte „Vossische Zeitung“.

          Lob der Lügenpresse

          Die kürzere Zeit seines Lebens, im Grunde waren es nur rund zehn Jahre, war er nach seiner Pensionierung als Theaterkritiker (mit siebzig!) ausschließlich Schriftsteller – dessen Stoffe sich intensiver, lustvoller Zeitungslektüre verdankten. Vorzüglich aus dem Ressort „Vermischtes“, ergo Liebe, Drama, Duelle, Mesalliancen. Was dann in Zettelkästen um- und umgeschichtet wurde. Bis wiederum eine Zeitung oder Zeitschrift anbiss und zum Beispiel vor einer „Hurengeschichte“ wie „Irrungen, Wirrungen“ nicht zurückzuckte. Der Romancier als Netzwerker in einem unaufhörlichen Kreislauf. Der das grandios erfindet – was er vorfindet.

          Der Fünfundsiebzigjährige, dem die „besten Plätze“ alle leer geräumt scheinen und den, „was noch lebt“, nicht mehr allzu sehr reizt, demonstriert in seinem 1895 geschriebenen „Zeitung“-Gedicht, einem seiner letzten, dass er der Zeitung nicht nur Stoffe entsaugt, sondern dass sie für ihn purer Sauerstoff ist. Überlebensluft. In munter elegant dahinholperndem Versmaß zeigt er seine lebenslange Verliebtheit ins „Mogeln“ und ins „Betören“, genießt, „wie sie sich zanken und sich verhetzen“. Es geht ihm nicht um das, was nur phantasielose Trottel als letzthinnige Weisheit dem täglichen Blatte zu entnehmen wünschen, als sei dieses eine Art Bibel. Es geht ihm um den Tumult auf dem Tummelplatz des Chiffrierens und Inszenierens, des Theaters im Leitartikel. Adolf Stoecker (antisemitischer Hofprediger), Wilhelm Joachim von Hammerstein (skandalumwitterter Chefredakteur), „Antrag Kanitz, Edler zu Putlitz und Edler von Planitz“ – Namen und Affären, die heute keiner mehr kennt. Aber man spürt im jagenden Reim noch die Hitze, die sie im sich „vor Vergnügen die Hände“ reibenden Zeitgenossen erzeugt hat. Der diese Scheinwelt in die Seinswelt seiner Romane verwandelt.

          Und dass die schönste Lügenpresse sowieso besser, klüger und informativer ist als die beschränkte Besserdumpfwisserei der vorgeblichen Phrasen- und Blasenverächter (immerhin auch ein Nietzsche darunter!), die sich des „rechten Lichts“ sicher sind, lässt der alte Spötter Fontane („aber enfin; das schadet nichts“) in seiner Gegenverachtung des „Weisheitsschnitts mit eignem Messer“ messerscharf aufblitzen: Jeder Leser sein eigener, dummer Zeitungsschreiber – „so wird der reine Unsinn gesprochen“. (Ist leider rund hundert Jahre später schauderhaft wahr geworden!) Nichts konnte den Alten so sehr empören, „als auf Zeitungsschreiber schimpfen zu hören“. Wir also grüßen über die Jahrhunderte hinweg: einen großen Bruder!

          Theodor Fontane: „Zeitung“

          Wie mein Auge nach dir späht,
          Morgens früh und abends spät,

          Die besten Plätze sind alle leer,
          Was noch lebt, gefällt mir nicht mehr.

          Aber wie sie mogeln und sich betören,
          Davon mag ich noch gerne hören.

          Wie sie sich zanken und sich verhetzen,
          Ist mir gar nicht zu ersetzen,

          Stöcker, Hammerstein, Antrag Kanitz,
          Edler zu Putlitz und Edler von Planitz,

          Liu-Tang und Liu-Tschang,
          Christengemetzel am Yang-tse-Kiang –

          Wie sie mogeln und sich betören,
          Davon will ich tagtäglich hören.

          Will mir, wenn sie ganz arg es treiben,
          Vor Vergnügen die Hände reiben,

          Und will aus dem Leitartikel erfahren
          Die Gedanken des Sultans oder des Zaren.

          Vielleicht entbehrt es des rechten Lichts,
          Aber enfin; das schadet nichts,

          Im ganzen ist es doch immer noch besser,
          Als ein Weisheitsschnitt mit eignem Messer,

          Und nichts kann mich so tief empören,
          Als auf Zeitungsschreiber schimpfen zu hören.

          Da stehn sie mit hochgetragnen Nasen:
          „Aus deiner Zeitung – das sind ja Blasen,

          Die Kerle, die’s schreiben, halb Füchse, halb Hasen.
          Und was sie schreiben, sind elende Phrasen.“

          Aber nehmt uns die Phrasen auch nur auf drei Wochen,
          So wird der reine Unsinn gesprochen,

          Und du – du suchst wohl krampfhaft zu lachen –
          Du würdest keine Ausnahme machen.

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