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Frankfurter Anthologie : Nadja Küchenmeister: „Wurzeln“

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ

Plötzlicher Aufbruch und lange nachwirkende Präsenz: Was kann größere Einsamkeit ausstrahlen als eine Wohnung, die unvermittelt verlassen werden musste?

          3 Min.

          Mit dem Gedicht „Wurzeln“ aus dem dritten Gedichtband von Nadja Küchenmeister führt uns die 1981 in Berlin geborene Autorin in eine familiäre Alltagsszenerie von weitreichender emotionaler Komplexität. Es geht um den Verlust einer nahestehenden Person anhand der Beschreibung der von ihr verlassenen Wohnung. Unklar bleibt, ob der nun abwesende Mensch einfach unvermittelt gegangen, schwer erkrankt oder gestorben ist; sicher ist jedoch, dass dieser das Privileg hatte, trotz fortgeschrittenen Alters bis zuletzt ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Das Gedicht gleicht einem skizzenhaften Stillleben, das durchsetzt ist mit Leerstellen und Auslassungen. Was nicht im Text steht, ergänzt die eigene Imagination. Wir sehen ein geöffnetes Fenster, den Wäscheständer, der, als eine Art Barriere, dem Ansturm der Tauben, die nun bereits auf dem Kühlschrank nisten, nicht standhalten konnte. Wir meinen, auch den Menschen zu sehen, der den Tagesspiegel liest, Kartoffeln isst und ein künstliches Gebiss dabei trägt. Fast haben wir die Gerüche der Wohnung in der Nase.

          Anhand der Beschreibung des verlassenen Ortes wird weniger der Raum selbst als vielmehr das zuvor in ihm gelebte Leben sichtbar. Das beobachtende Ich schaut die Gegenstände an, die auf den Menschen dahinter verweisen, dessen Präsenz trotz seiner Abwesenheit die Räume beherrscht. Sei es durch reale Reliquien wie die falschen Zähne auf dem Unterteller, sei es durch die schwache Silhouette des Körpers in den Kleidern an der Garderobe. Gerade in der Beschreibung der Überbleibsel jener körperlichen Gegenwart wird die physische Abwesenheit des Vermissten besonders schmerzhaft erfahrbar. Selbst die Fotos an der Wand strahlen maximale Verlassenheit aus und animieren zu der Frage: „was zeigt / ein foto, wenn es niemand betrachtet?“

          In Analogie zu der philosophischen Problemstellung, ob ein umstürzender Baum im Wald auch dann ein Geräusch macht, wenn keiner da ist, um es zu hören, lässt das Gedicht hier an George Berkeleys „esse est percipii“ denken. Wenn Sein bedeutet, wahrgenommen zu werden, zeigt ein Foto, das niemand anschaut, logischerweise nichts, denn dann gibt es ja das ganze Foto nicht. Hier wird zum ersten Mal im Text die Ebene reiner Betrachtung gebrochen, und das Subjekt erscheint nun als Konstrukteur seiner Objekte. Jetzt, da die Wohnung leer steht, ist das lyrische Ich der einzige Garant für ihre Existenz.

          Wer wahrgenommen wird, der existiert

          Wohin die vermisste Person gegangen ist, wird nicht enthüllt, ein baldiges Wiederkommen anscheinend nicht erwartet. Insgesamt muss es ein plötzlicher Aufbruch gewesen zu sein, denn eine Schublade steht noch offen. Das lyrische Ich beginnt dann, Kleidungsstücke zu zählen, worunter auch Hemden sind. Hierdurch wird das erste Mal ein Hinweis auf das wahrscheinlich männliche Geschlecht des Besitzers gegeben. Das psychologische Bedürfnis, durch den Zählvorgang den Geist zu beruhigen und die Dinge zu ordnen, ist zugleich ein Mechanismus, um der Überforderung durch die als verstörend wahrgenommene Situation zu entkommen. Auch die Suche nach Sinnstiftung durch die Konstruktion einer Erzählung ist wohl dem Versuch geschuldet, in der eigenen Verlorenheit einen Halt durch Ordnung zu finden. Das Ich gibt unumwunden zu: „ohne geschichte kann ich nicht nach hause gehen“. Der innere Zwang zum Narrativ dekonstruiert dabei die im Gedicht entstandene Intimität.

          Am Ende entwirrt das Ich „die kabel unter dem tisch, schwarze / wurzeln, die keinen anfang und kein ende haben“. Es liegt nahe, hierin den Wunsch zu sehen, die familiären Wurzeln, die an ein Möbiusband erinnern, zu ordnen und sich selbst dabei zu verorten. Als einzige Metapher und titelgebendes Moment fallen die Wurzeln auch als formales Stilmittel auf. Besonderer Schwere entbehren sie deshalb, weil sie, abgeleitet von alltäglichen, verhedderten Kabeln unter dem Tisch, eher eine elektrische denn eine semantische Aufladung suggerieren. Umso eindringlicher gelingt es hier, durch die Beschreibung ganz alltäglicher Dinge ein inneres Stimmungsbild zu transportieren. Wer jedoch Futter für eine tiefenpsychologisch fundierte Analyse oder Familienaufstellung erwartet, muss enttäuscht werden, denn das Gedicht vermeidet es angenehmerweise, persönlich zu sehr ins Detail zu gehen. Mit ihrer genauen Beobachtungsgabe arbeitet die Autorin im Geiste jener Worte von Jürgen Becker, die sie dem Gedichtband zu Beginn vorangestellt hat. „Die Wirklichkeit macht immer mit“, heißt es dort; und genau diese Wirklichkeit, mit all ihren Dimensionen, ihren Oberflächen und inneren Abgründen, bringt dieses Gedicht zum Leuchten.

          Nadja Küchenmeister: „Wurzeln“

          der wäscheständer vor dem fenster, aufgestellt
          gegen den ansturm der tauben, auf dem dach
          des kühlschranks, haben sie mit dem nestbau
          begonnen: vogelfedern, zarte zweige
          der tagesspiegel von letzter woche und deine
          zähne auf dem unterteller, neben den kartoffeln
          altern die gewürze ... die schublade ist rausgezogen
          wonach hast du gesucht, schere oder kapselschneider
          eduschokaffee, noch nicht angebrochen, was zeigt
          ein foto, wenn es niemand betrachtet? an der garderobe
          hängt dein schwacher abdruck, mantel, ärmel,
          ohne muskeln, ohne geschichte kann ich nicht
          nach hause gehen: ich zähle deine hemden, socken
          unterhosen, entwirre die kabel unter dem tisch, schwarze
          wurzeln, die keinen anfang und kein ende haben.
           

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